PJ-Barometer 2025: Viel Verantwortung, wenig Struktur

Realitätscheck
01.März 2026
Hannover
(adi) Das Praktische Jahr (PJ) ist der letzte große Schritt im Medizinstudium – mehr Praxis, mehr Verantwortung und ein realistischer Einblick in den Klinikalltag. Doch viele Studierende erleben das PJ anders. Das zeigt das PJ-Barometer 2025 des Marburger Bundes.

Fazit: Die Rahmenbedingungen bleiben herausfordernd – spürbare Verbesserungen gegenüber früheren Umfragen (2018 und 2023) sind kaum erkennbar. Viele erleben das PJ als Phase hoher Arbeitsbelastung bei gleichzeitig fehlender Betreuung und wenig strukturierter Lehre. Bei etwa einem Drittel der Befragten wächst sogar der Zweifel, ob sie später in der kurativen Medizin arbeiten wollen.
Nur rund ein Viertel der Befragten fühlte sich nach dem PJ "sehr gut" oder "gut" für den Berufseinstieg gewappnet. Grafik: Marburger Bund
Nur rund ein Viertel der Befragten fühlte sich nach dem PJ "sehr gut" oder "gut" für den Berufseinstieg gewappnet. Grafik: Marburger Bund

An der bundesweiten Befragung nahmen im November/Dezember 2025 rund 1.800 Medizinstudierende im PJ sowie Ärztinnen und Ärzte teil, deren PJ nicht länger als drei Jahre zurückliegt. Fast die Hälfte der Befragten befindet sich aktuell im PJ, zwei Drittel sind weiblich. 53% verbrachten ihr erstes PJ-Tertial in einem akademischen Lehrkrankenhaus, 36% an einem Universitätsklinikum und 7% im Ausland. 

Hohe Arbeitsbelastung 

Der Start ins PJ bedeutet für viele sofort volles Eintauchen in den Klinikalltag. Mehr als die Hälfte der Befragten (55%) arbeitet im ersten Tertial zwischen 40 und 50 Stunden pro Woche, 40% weniger als 40 Stunden und 5% mehr als 51 Stunden. 

Auch Nacht- und Wochenenddienste gehören für viele zum Alltag: 42% leisten solche Dienste meist ein- oder zweimal pro Monat, teilweise drei- oder viermal (jeweils rund 9%). 79% erhalten dafür keine zusätzliche Vergütung. 

Fehlendes Mentoring und unzureichende Anleitung 

Fast 40% der Befragten haben im ersten PJ-Tertial keine festen Ansprechpersonen wie Mentorinnen und Mentoren oder verantwortliche Lehrbeauftragte. Gerade in der Anfangsphase ist verlässliche Betreuung entscheidend, um Abläufe kennenzulernen, Fragen zu klären und Sicherheit im Umgang mit Patientinnen und Patienten zu gewinnen. 

Viele berichten von einem hohen Anteil an Routinetätigkeiten. 96% übernehmen regelmäßig delegationsfähige Aufgaben wie Blutentnahmen oder Verbandswechsel, 80% Tätigkeiten, die auch andere Berufsgruppen erledigen könnten, und 72% ärztliche Kernaufgaben wie Anamnese, Diagnosestellung oder Aufklärungsgespräche oft ohne direkte ärztliche Anleitung. 

So entsteht bei vielen das Gefühl, eher Lücken im Klinikbetrieb zu füllen als gezielt ausgebildet zu werden. 

Selbststudium kommt zu kurz 

Ein zentraler Kritikpunkt ist die fehlende Zeit zum Lernen. Zwei Drittel der Befragten berichten, dass neben der praktischen Arbeit kaum Zeit fürs Selbststudium bleibt. Offiziell sind Studientage vorgesehen, im Klinikalltag lassen sie sich jedoch oft nicht einhalten – etwa wegen Personalmangels oder hoher Arbeitsbelastung. Besonders während der Vorbereitung auf das dritte Staatsexamen entsteht zusätzlicher Druck. 

Die Lage verschärft sich durch die Fehltagsregelung: Die 30 freien Tage pro Jahr umfassen sowohl Urlaub als auch Krankheitstage. Wer krank wird, verliert automatisch Zeit für Erholung oder Lernen. 

MHH-Medizinstudent Sinan Yilmaz, stellvertretender Vorsitzender des Sprecherrates der Medizinstudierenden im Marburger Bund und selbst kurz vor dem PJ, bringt die Situation auf den Punkt: „Für viele fühlt sich das PJ wie eine Phase mit enormer Belastung an, in der Anleitung und verlässliche Betreuung oft fehlen. Besonders ärgerlich ist, dass Krankheitstage von den verfügbaren Fehltagen für Urlaub und Lernzeit abgezogen werden. Wer krank wird, verliert damit wertvolle Zeit – und unter diesen Bedingungen kann das PJ seine Rolle als strukturierte Ausbildungsphase kaum erfüllen.“ 

Finanzielle Herausforderungen 

Zwar erhalten PJ-Studierende inzwischen in vielen Kliniken eine Aufwandsentschädigung, für die meisten reicht sie aber nicht aus, um den Lebensunterhalt zu sichern. Viele sind weiterhin auf Unterstützung durch Familie oder Nebenjobs angewiesen – eine zusätzliche Belastung in einer ohnehin zeitintensiven Phase. 

Zweifel am Berufsweg 

Erstmals fragte das PJ-Barometer 2025, ob die Teilnehmenden darüber nachdenken, die kurative Medizin zu verlassen. Rund ein Drittel zieht dies in Betracht, 52 % schließen es aus, 15 % sind unentschlossen. 

Die Ergebnisse zeigen: Die weitgehend unveränderten Rahmenbedingungen im PJ lösen bei vielen Nachwuchsärztinnen und -ärzten Zweifel am späteren Berufsweg aus. Angesichts des demografischen Ausscheidens vieler Ärztinnen und Ärzte in absehbarer Zeit hat dieses Ergebnis hohe versorgungspolitische Relevanz

Die große Mehrheit plant dennoch, in der stationären Versorgung die Weiterbildung zur Fachärztin und zum Facharzt zu absolvieren (87 %), knapp 7 % eher im ambulanten Bereich. 

Vorbereitung auf den Berufsalltag 

Die Einschätzung zur Vorbereitung fällt gemischt aus: Ein Drittel bewertet sie als unzureichend (25 % unbefriedigend, 11 % schlecht) und 37 % als befriedigend. Nur etwa ein Viertel empfindet sie als gut (23 %) oder sehr gut (3 %). 

Die Qualität der Lehre wird von 54 % als sehr gut oder gut bewertet, 28 % als befriedigend und knapp 18 % als unbefriedigend oder schlecht. 

Wünsche der Studierenden 

Die Forderungen sind klar: feste Ansprechpersonen, Mentorenmodelle, ärztliche Supervision, verbindliche Lernzeiten und eine angemessene finanzielle Unterstützung. Auch praktische Lernangebote stehen hoch im Kurs: Skills-Trainings, Ultraschallkurse oder strukturierte Röntgenbesprechungen könnten helfen, den klinischen Alltag stärker als Lernphase zu gestalten und zu dem machen, was sie sein soll: Eine Ausbildungsphase, die ihren Namen wirklich verdient!                      

Die Ergebnisse des PJ-Barometers 2025 im Detail auf 
www.marburger-bund.de/studierende