• Seenotrettung im Mittelmeer

    „Wir sind verpflichtet, Leben zu retten – egal, ob in der Klinik oder auf dem Wasser“
    17.Dezember 2021
    Hannover
    MB-Mitglied Dr. Thorben Dieck im Einsatz für „Mission Lifeline“

    Von Anna Dierking

    „Wir versuchten, die Menschen in jeder noch so kleinen Nische in Sicherheit zu bringen. Jeder mögliche Schutzraum auf dem Schiff wurde ausgenutzt. Die Wellen schlugen hoch über Bord, fluteten das Deck. Blitz und Donner folgten direkt aufeinander, Hagelschlag. Die meisten der über 100 Menschen standen mitten im Gewitter ungeschützt an Deck. Es grenzt an ein Wunder, dass niemand über Bord gespült oder vom Blitz getroffen wurde.“

    Die Erinnerung an die Gewitternacht auf dem Seenotrettungsschiff „Eleonore“ hat sich tief in Dr. Thorben Diecks Gedächtnis eingebrannt. Als Schiffsarzt war der heute 42-jährige Oberarzt der Klinik für Plastische, Ästhetische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover auf hoher See bei der „Mission Lifeline“ dabei. 
    20 Meter lang und 5,50 Meter breit: Die „Eleonore“ ist das zweite Seenotrettungsschiff des Vereins „Mission Lifeline“, der 2016 in Dresden gegründet wurde. Foto: Mission Lifeline
    20 Meter lang und 5,50 Meter breit: Die „Eleonore“ ist das zweite Seenotrettungsschiff des Vereins „Mission Lifeline“, der 2016 in Dresden gegründet wurde. Foto: Mission Lifeline
    46 Quadratmeter für 104 Gerettete plus Crew

    In besagter Nacht saß die Crew mitsamt der 104 geretteten Menschen bereits über eine Woche auf dem 46 Quadratmeter kleinen Schiff vor der Küste Siziliens fest. Der Kapitän wartete dort auf die Erlaubnis zur Einfahrt, die stets aufs Neue verwehrt wurde. „Eine Verzögerungstaktik“, wie Dieck berichtet. „Hingehalten zu werden, ist nicht ungewöhnlich. Der Seenotrettung werden Steine in den Weg gelegt, wo es nur geht.“ Am Tag nach dem Unwetter entschied der Kapitän, die Situation sei nun nicht mehr tragbar, die Belastung zu groß. So erklärte er den Notstand und die „Eleonore“ lief ohne Genehmigung in den Hafen von Pozzallo ein. Bis zuletzt versuchte die Küstenwache, dieses zu verhindern. Was dann folgte, empfand Dr. Thorben Dieck als absurd: „Unser Kapitän wurde gefeiert und bekam in Palermo eine Ehrenmedaille verliehen. Gleichzeitig wurde er verhaftet und ein Strafbefehl in Höhe von 300.000 Euro verhängt. Die „Eleonore“ wurde auf unbestimmte Zeit beschlagnahmt.“ So endete Diecks Mission auf dem Seenotrettungsschiff, die für ihn rund zweieinhalb Wochen vorher überraschend begonnen hatte.

    Als der Anruf mit der Meldung kam, er werde umgehend auf dem Rettungsschiff in Malta als Schiffsarzt im Rahmen eines Crew-Austausches gebraucht, saß Dieck gerade im Auto auf dem Weg in einen Italienurlaub: „Kurz habe ich geschluckt. Will ich das wirklich? Kann ich das ertragen, vielleicht sogar Menschen ertrinken zu sehen, ohne helfen zu können?“ Aber der MHH-Arzt überlegte nicht lange und drehte um. Auf der Fahrt zurück nach Hannover, bekam er ein mehrstündiges Briefing per Telefon. Die sonst übliche Vorbereitung in Form von Treffen und konkreten Übungen entfiel. Zwölf Stunden nach dem Anruf saß er bereits im Flieger.

    „Vorab wusste ich nicht, was mich auf der „Eleonore“ erwarten würde. Nur, dass die Situation auf dem Schiff sehr kritisch und belastend sei, weshalb ein Teil der Crew nun ausgetauscht werden musste“, erzählt Dieck. Auf dem kleinen Schiff konnte er die Lage dann schnell einordnen: „Die Situation war hochkritisch, aber letztendlich stabil. Mit diesen Bedingungen war ich als Intensivmediziner gut vertraut.“

    Vor Ort habe er unglaublich schnell gemerkt, dass die Mannschaft mit ihren letzten persönlichen Ressourcen funktionierte und die Herausforderungen meisterte: Jeden Tag drei Mahlzeiten für über 100 Menschen sicherzustellen, Wasch- und Toilettengänge zu ermöglichen sowie die medizinische Versorgung aufrechtzuerhalten – und das alles auf engstem Raum.

    Als Dieck auf das Schiff kam, waren bereits 104 gerettete Menschen aus dem Sudan an Bord. Das Team der „Eleonore“ hatte sie retten können, als sie per Zufall auf die männlichen Flüchtlinge in einem bereits halb untergegangenen Schlauchboot gestoßen war. Die Männer saßen fest, ohne Kommunikationsmittel und ohne Sprit für den Motor. „Ohne unser Schiff wären sie wohl ertrunken“, sagt Dieck und erklärt, „dass überwiegend junge Männer flüchten. Sie haben oft keine Familie mehr und nichts zu verlieren. Sie wollen der Hölle der lybischen Lager und Folter entkommen. Familien dagegen scheuen oft den gefährlichen Weg übers Meer.“

    Dr. Thorben Dieck: Was war seine Motivation?

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    Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

    Die Crew-Mitglieder der „Eleonore“ engagierten sich aus ganz unterschiedlichen persönlichen und beruflichen Motiven. Menschen, die laut Dieck in dieser Kombination sonst nie zusammenarbeiten würden, aber vereint waren in der Überzeugung: „Was im Mittelmeer jeden Tag geschieht, kann und darf so nicht passieren! Man darf niemanden ertrinken lassen. Aus welchen Gründen man auf der Flucht ist, spielt keine Rolle. Menschen sind in Schlauchbooten unterwegs, die definitiv niemals am anderen Ufer ankommen werden. Man muss hinfahren und die Menschen aus dem Wasser retten - egal, wer es macht. Zu sehen, dass diese Aufgabe nicht von staatlicher Seite übernommen wird, wo sie eigentlich hingehört, zwingt zum Handeln“, fasst Dieck zusammen. „Am Ende trafen sich im Team Menschen mit ganz unterschiedlichen Motiven, Fähigkeiten und Erfahrungen – vom Seenotprofi bis zum blutigen Laien wie mich.“ Auch bei wechselnder Besatzung habe das Team immer funktioniert. Alle seien über ihre persönlichen Grenzen hinausgewachsen. „Die Menschen kennenzulernen, die sich genau dort engagieren“, war Diecks persönliche Motivation. „Ich habe viele tolle Persönlichkeiten kennengelernt!“ Was sie nach diesem Einsatz zusätzlich vereint, ist „die Gewissheit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein.“

    Die meisten hatten noch nie einen Arzt gesehen

    Als Dr. Thorben Dieck auf die „Eleonore“ kam, war die Primärrettung im Sinne eines klassischen „Massenanfalls verletzter Personen“ bereits abgeschlossen. Für ihn galt es nun, die Patienten zu sichten, zu kategorisieren und schnell zu entscheiden, wer welche Behandlung benötigt. „Medizinische Notfälle wurden an die europäische Küstenwache übergeben – dies funktionierte damals noch gut, trotz der bereits häufig schwierigen politischen Situation“, erklärt Dieck. Alles unter der Stufe „Evakuierung“ musste direkt an Bord versorgt werden. In vielen Fällen waren dies Krankheiten wie Krätze, Seekrankheit, Exsikkose und Lungenentzündungen. Hinzu kamen häufig auch Hautverätzungen durch das Urin-Benzin-Salzwassergemisch, das sich in der Mitte des Flüchtlingsbootes sammelt, wo meistens die Frauen und Kinder sitzen. „Dazu viele Folterwunden aus libyschen Lagern, aus denen die Menschen kommen“, weiß Dieck. „Um die Menschen in der ohnehin kritischen Situation nicht zu destabilisieren, fragten wir die Geflüchteten nicht, woher sie kamen und was ihnen widerfahren ist. Für die Menschen ist die Situation nach der Rettung aus dem Schlauchboot nicht abgeschlossen, oft hängen sie noch wochenlang fest. Da brechen die psychischen Probleme von alleine auf. Selbstmordversuche sind nicht selten. Die geretteten Leute springen von Bord, weil sie die permanente Spannungslage nicht mehr ertragen. Gerade an diesem Punkt hat die Crew der „Eleonore“ unglaublich gute Arbeit geleistet – alle Menschen waren gesundheitlich angeschlagen und psychisch maximal belastet, aber niemand ist durchgedreht.“

    „Da die Menschen überall auf dem Schiff dicht an dicht saßen, lagen und standen, musste man ständig über jemanden drübersteigen. Wir liefen in einer Art Kreisverkehr. Dreimal pro Tag haben wir die Leute für Essen und Trinken durch eine Küche - in etwa so groß wie die in einem Wohnmobil - geschleust“, erinnert sich Dieck. Dabei erfolgte die Sichtung, wer ärztliche Hilfe brauchte. Auch gab es eine reguläre Sprechstunde am Nachmittag, zu der sich die Menschen anmelden konnten. Teils sei es eine Herausforderung gewesen zu erkennen, wer Hilfe brauchte. Manche hätten sich nicht gemeldet und seien erst auffällig geworden, wenn sie so geschwächt waren – seekrank und ausgezehrt – dass sie nicht mehr hätten aufstehen können. Diecks Beobachtung: Die Menschen waren es nicht gewohnt, medizinische Versorgung zu erhalten, die meisten haben auf der „Eleonore“ das erste Mal in ihrem Leben überhaupt einen Arzt gesehen.

    Zwingendes politisches Signal

    Das UN-Flüchtlingskommissariat schätzt, dass Ende 2020 82,4 Millionen Menschen auf der oft lebensgefährlichen Flucht vor Hunger, Gewalt und Verfolgung waren. Der Klimawandel wird diese Situation noch verschärfen. „Niemand verlässt freiwillig seine Heimat. So lang die Menschen wie in Libyen unter ihren Lebensumständen verzweifeln, werden sie versuchen zu fliehen, auch über das Wasser. So lang die Seenotrettung nicht von professioneller, staatlicher Seite zuverlässig organisiert wird, wird es notwendig sein, dass die privaten Seenotrettungsschiffe - wie die der „Mission Lifeline“ - dort runterfahren und das Problem sichtbar machen. Dies ist ein zwingend erforderliches politisches Signal!“ ist Dieck überzeugt.

    Derzeit bereitet sich Dieck auf einen neuen Einsatz vor und plant, bald erneut für die „Mission Lifeline“ in See zu stechen. Und wenn der Anruf auch wieder spontan kommen sollte, er ist bereit.


    Mehr Informationen zu Mission Lifeline, Bewerbungsoptionen als Crew-Mitglied sowie die Möglichkeit zur Spende unter https://mission-lifeline.de/