Herr Dr. Schott, wir hatten Ende 2024 miteinander gesprochen – wie hat sich Ihr Engagement seitdem weiterentwickelt?
Die Grundidee der direkten medizinischen Unterstützung ukrainischer Kolleginnen und Kollegen in den Kliniken hat sich nicht verändert. Unser Netzwerk in Deutschland und der Ukraine ist größer geworden und auch unsere Hilfslieferungen haben deutlich zugenommen: waren es im Jahr 2024 noch 400 Pakete, so waren es 2025 bereits mehr als 900 Pakete mit medizinischen Materialien, Gütern und Medikamenten.
Ohne eine Zunahme an Spenden für unser Projekt wäre dies alles nicht möglich gewesen. Für eben diese Spenden und das Vertrauen danken wir allen, die unser Projekt unterstützen.
Auch wenn wir uns in Deutschland mittlerweile daran gewöhnt haben, dass in anderen Ländern wie in der Ukraine, im Sudan oder im Nahen Osten Krieg ist, ändert sich ja die Situation vor Ort nicht, sondern die Not und der Bedarf an Hilfe sind weiterhin sehr hoch.
Wenn Sie an Ihre ersten Fahrten in die Ukraine zurückdenken und an Ihre jüngsten Eindrücke: Was hat sich am stärksten verändert?
Im Vergleich zu dem Winter 2022, als wir das erste Mal da waren, hat sich der Alltag in der Ukraine natürlich "eingespielt" und wird eben flexibel organisiert. Man darf sich aber nicht täuschen: Dieses „Daran-Gewöhnen“ erwächst aus großer Not und macht einen Alltag zumindest zeitweise möglich. Aber diese Not kann schnell an die Oberfläche kommen, wenn – wie im vergangenen Winter – die gesamte Energieversorgung als Ziel attackiert und teilweise zerstört wird.
In den frontnahen Bereichen ist sicherlich die deutliche Ausweitung der sogenannten grauen Zone zu nennen. Durch den Einsatz von Drohnen auf beiden Seiten ist ein Streifen von bis zu 50 Kilometern entstanden, in dem man sich oft nur unter Todesgefahr bewegen kann. Dies macht die Versorgung, aber auch zum Beispiel den Transport von Verwundeten, sehr schwierig und gefährlich.
Wie erleben Sie aktuell die Situation in den Kliniken – gibt es so etwas wie einen „Alltag im Ausnahmezustand“?
Zunächst einmal haben wir natürlich keinen repräsentativen Überblick, sondern unsere Einschätzung basiert auf dem Austausch mit unseren persönlichen Kontakten und gegebenenfalls kurzen Besuchen in der Ukraine.
Sicherlich ist es so, dass Alltag und Ausnahmesituation eng beieinander liegen und damit auch eine gewisse Gewöhnung eintritt. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gesundheitsversorgung in der Ukraine nach wie vor nur schwer dauerhaft zu gewährleisten ist.
Es sind auf der einen Seite die durch den Krieg verletzten Soldaten und Zivilisten, aber auf der anderen Seite auch die große Anzahl an Patientinnen und Patienten mit chronischen oder onkologischen Erkrankungen oder Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen, die versorgt und gepflegt werden müssen. Gerade diese zweite große Gruppe findet kaum Beachtung in der Berichterstattung.
Was berichten Ihnen die Kolleginnen und Kollegen vor Ort über ihre Belastung und ihre Perspektiven?
Erstaunt bin ich oft, wie sich die Kolleginnen und Kollegen an diese Realität anpassen, arbeiten und leben. Im Vergleich zu uns fehlt aber die "unbeschwerte Normalität", einfach nicht nachdenken zu müssen und sich und sein nahes Umfeld in Sicherheit zu wissen.
Wir haben oft als Antwort gehört: „Was ist denn die Alternative?" – angesichts eines brutalen Angriffskrieges durch Russland. Die allermeisten Menschen, die wir getroffen haben, wollen kein Teil von Russland sein. Daher gibt es keine Alternative, als im "Jetzt" zu leben und das Beste daraus zu machen.
Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen oder Engpässe in der medizinischen Versorgung?
Im Prinzip sind es zwei Riesenherausforderungen: Unter Kriegsbedingungen ein Gesundheitswesen zu betreiben und dieses gleichzeitig EU-konform zu reformieren und zu modernisieren, damit ein Beitritt zur EU perspektivisch möglich ist. Im Krieg sind Ressourcen knapp – und damit auch die finanziellen Mittel, die der ukrainische Staat für den einzelnen Menschen aufbringen kann.
Moderne Medizin führt dazu, dass Menschen schneller gesund werden, beziehungsweise mit chronischen Erkrankungen länger leben können. Aber sie ist eben auch sehr teuer. Wenn ich die Zahlen der WHO und Weltbank richtig wiedergebe, dann stehen in Deutschland derzeit circa 18 Euro pro Tag und Patient zur Verfügung, in der Ukraine ist es nur circa 1 Euro.
Hat sich Ihre Unterstützung im Laufe der Zeit verändert – auch durch engere Kontakte vor Ort? Was funktioniert heute besser, was bleibt schwierig?
Unsere Unterstützung ist effektiver und bedarfsorientierter geworden, da wir mit unseren ukrainischen Partnern im ständigen Dialog sind und uns austauschen, was sie benötigen und wir eventuell besorgen beziehungsweise anbieten können. Die Anzahl der Kontaktpersonen des Netzwerkes ist größer geworden, damit steigen auch die Effektivität und Synergieeffekte. Unser Wissen über Logistik und Transportoptionen ist deutlich gewachsen. Auch haben wir natürlich aus unseren Erfahrungen, Fehleinschätzungen und Änderungen der Situation gelernt. Aber die Not und der Bedarf sind nach wie vor groß und zum Beispiel die Transportkosten und -regularien haben deutlich zugenommen.
Sie hatten einmal die mangelnde Koordination von Hilfsangeboten kritisiert: Sehen Sie hier Fortschritte oder überwiegen weiterhin Einzelinitiativen?
In meinen Augen hat sich dies leider nicht geändert. Es gibt nach wie vor sehr engagierte Einzelinitiativen, die zum Teil vernetzt sind und großartige Arbeit machen, aber schnell an ihre Grenzen kommen. Eine Koordination von öffentlicher beziehungsweise staatlicher Seite gibt es nicht nennenswert, da die kommunalen Strukturen über kein Budget hierfür verfügen und auf Landes- beziehungsweise Bundesebene aber wiederum der Kontakt und vielleicht auch das Interesse an der Situation in den Kommunen und für die Initiativen fehlt.
Mit Blick nach vorn: Was wird jetzt am dringendsten gebraucht – und wie können sich interessierte deutsche Kolleginnen und Kollegen sinnvoll einbringen?
Moderne medizinische Materialien und Medikamente, auch (mobile) medizinische Geräte werden benötigt. Beispiele sind Nahtmaterialien, OP-Instrumente und -Materialien, moderne Verbandssysteme (z. B. VAC), aber auch Katheter-Systeme wie zentrale Venenkatheter und Regionalanästhesie-Katheter.
Medizinische Geräte machen nur Sinn, wenn Fragen der Medizintechnik, der Einweisung und möglicher Verbrauchsmaterialien geklärt sind. Materialien, die uns zum Beispiel aus Praxisauflösungen angeboten werden, prüfen wir im Detail, ob es wirklich sinnvoll ist, diese in die Ukraine zu schicken. Plastik wird spröde, Klebeschichten kleben nicht mehr und ein 20 Jahre altes Ultraschall-Gerät hat eben auch ein Bild mit einer eingeschränkten Aussagekraft. Daher setzen wir unsere Spendenmittel zum einen für den Transport und zum anderen auch für gezielte Neuanschaffungen ein. Bei Fragen, Anregungen oder Ideen für Spenden und deren konkrete Umsetzung freuen wir uns über jede Kontaktaufnahme.
Mehr zum Projekt und Spendenmöglichkeit: https://www.betterplace.org/de/projects/128009-medizinische-hilfe-fuer-die-ukraine
Zum ersten Interview aus dem Dezember 2024: https://www.marburger-bund.de/niedersachsen/meldungen/mb-mitglieder-im-hilfseinsatz-fuer-die-ukraine
Das Interview führte Anna Dierking, MB Niedersachsen.
