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  • MB-Barometer zur Corona-Krise 2020

    Zusammenfassung der Ergebnisse
    14.Mai 2020
    Seit Beginn der Corona-Krise im März dieses Jahres hat sich die Arbeit angestellter Ärztinnen und Ärzte stark verändert. In den Krankenhäusern wurden planbare Operationen verschoben und zusätzliche Intensivkapazitäten geschaffen. Manche Ärztinnen und Ärzte mussten noch mehr arbeiten als ohnehin schon, Ruhezeiten wurden verkürzt, die Arbeitszeiten verlängert. Andere dagegen hatten weitaus weniger als üblich zu tun, weil weniger Patienten in die Krankenhäuser kamen und die befürchtete große Welle an COVID-19-Patienten – abgesehen von regionalen Ausnahmen - bislang ausgeblieben ist
    Der Marburger Bund ist der Verband aller angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte. Mit rund 127.000 Mitgliedern ist er der größte deutsche Ärzteverband mit freiwilliger Mitgliedschaft und Deutschlands einzige Ärztegewerkschaft.
    Der Marburger Bund ist der Verband aller angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte. Mit rund 127.000 Mitgliedern ist er der größte deutsche Ärzteverband mit freiwilliger Mitgliedschaft und Deutschlands einzige Ärztegewerkschaft.

    Mehr Regelversorgung, aber mit Augenmaß

    Angestellte Ärztinnen und Ärzte wollen behutsam in den neuen Alltag

    Um ein aktuelles und möglichst vollständiges Bild der Lage zu erhalten, hat der Marburger Bund eine Ad-hoc-Umfrage durchgeführt, an der in der Zeit vom 29. April bis 10. Mai 2020 insgesamt 8707 Mitglieder teilgenommen haben. Das MB-Barometer zur Corona-Krise ist eine wichtige Momentaufnahme und bildet die Auffassung eines repräsentativen Querschnitts der angestellten Ärzteschaft ab. Rund 54 Prozent der Befragten sind Ärztinnen, 46 Prozent männliche Kollegen. Auch die Alterskohorten bilden die ungefähre Verteilung in der Gesamtmitgliedschaft ab: Rund 46 Prozent sind 40 Jahre und jünger, 54 Prozent 41 Jahre und älter.

    Der Anteil der teilzeittätigen Ärztinnen und Ärzte ist mit 33,6 Prozent größer als bei der jüngsten Mitgliederbefragung des Marburger Bundes (MB-Monitor 2019: 26 %). Rund 57 Prozent der Teilzeitbeschäftigten arbeitet regelhaft 30 Stunden und mehr pro Woche. Der Anteil der Befragten aus kommunalen Krankenhäusern (33,3 %), aus Universitätskliniken (14,9 %) und privaten Kliniken (15,3 %) bewegt sich im repräsentativen Mittel (Destatis 2019), währenddessen Ärztinnen und Ärzte aus kirchlichen Krankenhäusern (14,6 %) in der Befragung unterrepräsentiert sind. Etwa 9,3 Prozent der Teilnehmer sind im ambulanten Sektor tätig.

    Arbeitsaufkommen ist vielfach geringer geworden

    Die weitaus meisten angestellten Ärztinnen und Ärzte (57,2 %) geben an, dass ihr Arbeitsaufkommen seit Beginn der Corona-Krise im März 2020 abgenommen hat. Bei etwa einem Viertel (25,1 %) ist es gleichgeblieben und bei 17,7 Prozent der befragten MB-Mitglieder gestiegen.

    Das Ergebnis kommt nicht überraschend. Seit Mitte März gibt es erheblich weniger planbare Operationen in den Krankenhäusern, auch das Notfallgeschehen ist zurückgegangen. Gleichzeitig ist die Anzahl der Patienten, die an COVID-19 erkrankt sind, in den Kliniken niedriger geblieben als zunächst befürchtet. Vor allem Ärztinnen und Ärzte, die normalerweise an operativen Eingriffen beteiligt sind, hatten in den zurückliegenden Wochen weniger Arbeit als üblich. In anderen Bereichen, vor allem in der Intensivmedizin, gab es vielerorts ein ganz anderes Bild. Diese Spannbreite der Erfahrungen mit der Corona-Krise in den vergangenen Wochen ist in dem Ergebnis der Frage nach dem Arbeitsaufkommen abgebildet.

    Regelversorgung wieder aufnehmen – „mit Augenmaß“

    Entsprechend eindeutig fällt auch die Antwort auf die Frage aus, ob jetzt wieder mit der Regelversorgung (z.B. elektive Eingriffe, Rehabilitation) begonnen werden sollte. Mehr als zwei Drittel der angestellten Ärztinnen und Ärzte (69,5 %) möchten, dass die Regelversorgung wieder aufgenommen wird; 16,3 Prozent sind dagegen und 14,2 Prozent haben sich dazu noch keine Meinung gebildet. „Ich denke, man sollte langsam den Klinikbetrieb hochfahren, aber nicht auf volle Leistung, damit bei einer möglichen 2. Infektionswelle das System nicht überlastet wird“, heißt es in einem Kommentar zur Umfrage. Andere Mitglieder weisen darauf hin, dass viele Patienten in den vergangenen Wochen nicht operiert werden konnten und jetzt auf ihren Termin warteten. Mehrheitlich sind die Mitglieder aber der Auffassung, dass nicht zu viel auf einmal passieren sollte. „Wir sollten mit Augenmaß die reguläre Patientenversorgung wieder aufnehmen“, schreibt ein Mitglied in einer Freitext-Antwort.

    Geteilte Meinungen zur möglichen Überforderung des Gesundheitswesens

    Eine Mehrzahl (44,2 %) befürchtet, dass es im weiteren Verlauf der Coronavirus-Pandemie zu einer Überforderung des Gesundheitswesens kommen könnte; 41,5 Prozent sehen diese Befürchtung nicht und 14,3 Prozent können es derzeit nicht einschätzen. Hier scheinen die Erfahrungen aus den vergangenen Wochen eine wichtige Rolle zu spielen. Je nach eigenem Erleben wird die Gefahr einer größeren Ausbreitung und höherer Erkrankungszahlen durch das neue Coronavirus anders beurteilt. So werden vermutlich Ärztinnen und Ärzte, die erlebt haben, wie schnell sich der Gesundheitszustand von COVID-19-Patienten von einem auf den anderen Tag verschlechtert hat, die weitere Entwicklung mit größerer Besorgnis sehen als diejenigen, die nicht in die intensivmedizinische Versorgung solcher Patienten eingebunden waren.

    Die unterschiedlichen Wahrnehmungen werden auch in den Kommentaren zur Umfrage deutlich. Während die einen vor einer zweiten größeren Infektionswelle im Herbst warnen, schätzen andere die Lage als weniger bedrohlich ein. Keinen Zweifel haben die Befragten aber daran, dass man mit dem Virus auf längere Zeit noch wird leben müssen. So hieß es in einem Kommentar: „Wir müssen lernen, das Leben wieder anlaufen zu lassen und trotzdem mit SARS-CoV-2 klar zu kommen.“

    Kurzarbeit vor allem in Rehakliniken und in der ambulanten Versorgung

    Welchen Ausnahmecharakter die aktuelle Lage hat, wird vor allem daran deutlich, dass auch Ärztinnen und Ärzte von Kurzarbeit betroffen sind. Rund zehn Prozent der Befragten geben an, dass in ihrem betrieb Kurzarbeit eingeführt worden sei. Betroffen sind vor allem Mitglieder des Marburger Bundes in Rehakliniken – dort liegt der Kurzarbeit-Anteil bei 54 Prozent -, im ambulanten Sektor (32 %) und in privaten Kliniken (12 %). Die Arbeitszeit der Betroffenen wurde meist bis zu 50 Prozent reduziert. In wenigen Fällen (4,1 %) wurde Druck auf die Ärzte ausgeübt, eine Vereinbarung zur Kurzarbeit zu unterzeichnen. Für drei Viertel der Befragten gibt es keinen nachvollziehbaren Grund, Kurzarbeit in ihrem Betrieb einzuführen, rund 16 Prozent können einen Grund erkennen und weisen auf das deutlich gesunkene Arbeitsaufkommen und wirtschaftliche Probleme des Betriebes hin.

    Aufgrund des geringeren Arbeitsaufkommens haben etwa die Hälfte der Befragten freiwillig Überstunden abgebaut. Angesichts von 65 Mio. Überstunden, die angestellte Ärztinnen und Ärzte pro Jahr leisten (MB-Monitor 2019) leisten, war für viele der Befragten die zurückliegende Zeit auch Gelegenheit, einmal pünktlich nach Hause zu kommen. Ein Mitglied schreibt in seinem Kommentar zur Umfrage: „Ich bin seit 12 Jahren berufstätig. Zum ersten Mal in meinem beruflichen Leben gehe ich regelmäßig pünktlich nach Hause und kann das tägliche Arbeitspensum sogar mit Mittagspause überwiegend vollständig bewältigen.“ 

    Auch die Urlaubsplanung blieb von der Corona-Krise nicht verschont. Knapp 30 Prozent der Befragten geben an, dass ihr Arbeitgeber sie aufgefordert habe, ihren Urlaub zu nehmen; 70 Prozent verneinen dies. Ein kleinerer Teil der Mitglieder (14,5 %) mussten sogar bereits gewährten Urlaub verschieben.

    Mangelware Schutzmasken – ein Dauerproblem

    Zum Abschluss der Befragung sollten die Mitglieder auch noch einschätzen, wie die aktuelle Lage bei der Schutzausrüstung ist. „Haben Sie in ausreichender Anzahl eine adäquate Schutzkleidung zur Versorgung Ihrer Patienten?“, lautete die Frage. Rund 62 Prozent bejahten dies, 38 Prozent antworteten mit Nein. Der Mangel ist nach wie vor deutlich spürbar, wie die Antwort auf die Nachfrage „Wenn Nein: Woran mangelt es?“ zeigt: Am weitaus häufigsten wird die unzureichende Anzahl an Schutzmasken (FFP-2 und FFP-3-Masken) beklagt. Einen größeren Mangel scheint es auch bei Schutzkitteln und Schutzanzügen zu geben. Auch der einfache Mund-Nasen-Schutz (OP-Maske) ist vielfach nicht im erforderlichen Umfang verfügbar. In manchen Kliniken scheint auch der Nachschub an Visieren, Schutzbrillen, Handschuhen und Hauben nicht dauerhaft gewährleistet.

    Selbst wenn in den vergangenen Wochen viel dafür getan wurde, Engpässe zu beseitigen, so gibt es doch eine verbreitete Skepsis, dass die Schutzausrüstung in den nächsten Wochen und Monaten in ausreichendem Umfang zur Verfügung steht. Ein Mitglied bringt es so auf den Punkt: „In den ganzen Öffnungsdiskussionen wird ignoriert, dass unsere Schutzausrüstung auch ohne zweite Welle zunehmend zur Neige geht.“