Fast jede zweite befragte Ärztin beziehungsweise jeder zweite befragte Arzt (49 Prozent) gab an, in den vergangenen zwölf Monaten Machtmissbrauch durch ärztliche Beschäftigte erlebt zu haben. In 88 Prozent der Fälle gingen die Vorfälle überwiegend von ärztlichen Vorgesetzten aus. Besonders häufig wurden ein respektloser oder herablassender Umgangston (84 Prozent), das sachlich nicht begründete Infragestellen der eigenen Kompetenz (67 Prozent) sowie öffentliche Bloßstellungen und Mobbing (52 Prozent) genannt.
Die Folgen für die Betroffenen sind gravierend: 79 Prozent berichten von emotionaler Erschöpfung und anhaltender Anspannung, 73 Prozent von verminderter Arbeitsmotivation und 63 Prozent von dem Wunsch, die Abteilung oder Klinik zu wechseln. Fast jede zweite betroffene Person denkt über einen Ausstieg aus der stationären Versorgung nach.
Besonders alarmierend ist die geringe Neigung, Vorfälle zu melden. 79 Prozent der Betroffenen haben den erlebten Machtmissbrauch nicht angezeigt. Hauptgründe sind die Erwartung, dass ohnehin keine wirksamen Konsequenzen folgen (82 Prozent), die Sorge vor beruflichen Nachteilen (62 Prozent) sowie das Fehlen vertraulicher oder anonymer Meldemöglichkeiten (57 Prozent). Von denjenigen, die eine Meldung vorgenommen haben, berichten 54 Prozent, dass keinerlei Maßnahmen ergriffen wurden.
Auch sexuelle Belästigung bleibt ein ernstes Problem. 14 Prozent der Befragten haben in den vergangenen zwölf Monaten sexuelle Belästigung durch ärztliche Beschäftigte erlebt. In 63 Prozent der Fälle gingen die Vorfälle von ärztlichen Vorgesetzten aus, in 90 Prozent überwiegend oder ausschließlich von Männern. Am häufigsten wurden sexualbezogene Kommentare und abwertende Sprüche (76 Prozent), unerwünschte Gespräche mit sexuellem Inhalt (58 Prozent) sowie unerwünschte körperliche Nähe oder Berührungen (46 Prozent) genannt.
„Die Ergebnisse zeigen ein strukturelles Problem. Wer Missstände meldet, befürchtet Nachteile; und wer meldet, erlebt häufig, dass nichts passiert. Das untergräbt das Vertrauen in bestehende Strukturen und gefährdet die Attraktivität des Arztberufs“, erklärt Dr. Sonja Mathes, Vorstandsmitglied des Marburger Bundes Bayern.
Der Marburger Bund Bayern fordert deshalb unabhängige und anonyme Meldestellen, wirksamen Schutz von Hinweisgebern, konsequente Sanktionen bei Fehlverhalten sowie eine Stärkung von Führungskompetenz und Fehlerkultur in den Einrichtungen.
„Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung sind keine individuellen Konflikte, sondern Ausdruck von Strukturen, die verändert werden müssen. Es braucht flachere Hierarchien, mehr Transparenz und eine Führungskultur, die Respekt und Verantwortung vorlebt“, so Mathes.
- Bayerische Ergebnisse Umfrage Machtmissbrauch(471.5 KB, PDF)
