Diese Website nutzt Cookies, um mehr über das Nutzungsverhalten der Besucherinnen und Besucher zu erfahren und das Internetangebot beständig zu verbessern. Die Daten werden anonymisiert. Sie können diese statistische Erhebung deaktivieren. Mehr Informationen finden Sie in unserer .
ok
  • Jeder fünfte Krankenhausarzt erwägt Berufswechsel

    MB-Mitgliederumfrage Schleswig-Holstein
    13.Februar 2020
    Kiel
    Ärztinnen und Ärzte in Schleswig-Holsteins Krankenhäusern leiden unter hoher Arbeitsbelastung, Überstunden und unflexiblen Arbeitszeiten. Zunehmende Bürokratie und Zeitdruck in der Patientenversorgung belasten die Mediziner zusätzlich. Inzwischen denkt jeder fünfte Klinikarzt (20 %) in Schleswig-Holstein über einen Berufswechsel nach. Das ergab die schleswig-holsteinische Auswertung der bundesweiten Mitgliederbefragung des Marburger Bundes. An der vom Institut für Qualitätsmessung und Evaluation (IQME) durchgeführten Online-Befragung beteiligten sich im Herbst 2019 bundesweit rund 6.500 angestellte Ärztinnen und Ärzte, davon zirka 500 aus Schleswig-Holstein.

    Schlechte Arbeitsbedingungen
    Drei Viertel der Befragten (77 %) beurteilen ihre Arbeitsbedingungen als mittelmäßig bis sehr schlecht. An den Unikliniken sind es sogar 81 Prozent. Alle befragten Chefärzte bewerten ihre Arbeitsbedingungen unabhängig vom Klinikträger nur als „mittelmäßig“. „Die Krankenhäuser sind aufgefordert, endlich für bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen und die Ärztinnen und Ärzte zu entlasten – zum Wohl der Ärzte und der Patienten. Aber auch die Politik muss ihren Teil dazu beitragen und die strukturelle Unterfinanzierung der Krankenhäuser beseitigen. In Schleswig-Holsteins Kliniken herrscht seit Jahren ein Investitionsstau in Millionenhöhe. Der zusätzliche Druck auf die Krankenhäuser darf aber nicht zu Lasten des Personals gehen. Gute Medizin braucht gute Arbeitsbedingungen und gute Finanzierung“, sagt Michael Wessendorf, Vorsitzender Marburger Bund Schleswig-Holstein.

    Arbeitsbelastung der Ärzte und fehlender Ausgleich führt zu mehr Teilzeittätigkeit
    58 % arbeiten pro Woche 49 Stunden und mehr. An den Universitätskliniken leistet sogar mehr als jeder Vierte (27 %) über 60 Stunden die Woche und drei Prozent der Uni-Ärzte arbeitet mehr als 80 Stunden die Woche.

    Dabei verzichten 61 Prozent täglich oder häufiger pro Woche auf seine Pause während der Arbeitszeit. 

    Ausgleich für Überstunden ist oftmals Fehlanzeige: Fast ein Viertel (23 %) der befragten Ärztinnen und Ärzte gibt an, dass geleistete Überstunden weder vergütet noch mit Freizeit ausgeglichen werden. In den Unikliniken ist das sogar bei fast jedem dritten Arzt der Fall (28 %). Genauso kritisch: Bei fast 40 Prozent der Ärztinnen und Ärzten (39 %) erfolgt keine systematische Erfassung sämtlicher Arbeitszeiten durch den Arbeitgeber. Die elektronische Zeiterfassung über eine Stechuhr als objektive Form der Zeiterfassung erfolgt nicht mal bei jedem dritten Arzt (28 %).

    „Überstunden werden von den Klinikbetreibern systematisch eingeplant, um die Versorgung der Patienten sicherzustellen. Aber Kostendruck und eine dünne Personaldecke sind keine Entschuldigung dafür, gesetzliche Vorschriften zu  missachten. Die Ärztinnen und Ärzte in Schleswig-Holstein stellen eine tragende Säule unseres Gesundheitssystems dar. Sie haben ein Anrecht darauf, dass ihre Leistung ordnungsgemäß dokumentiert und vergütet wird. Voraussetzung dafür ist ein transparentes und manipulationsfreies Arbeitszeiterfassungssystem in allen Abteilungen. Auch die staatliche Arbeitsschutzbehörde ist aufgefordert, die Einhaltung der arbeitszeitrechtlichen Vorschriften in Krankenhäusern regelmäßig zu prüfen“, mahnt Michael Wessendorf. 

    Das Resultat überlanger Arbeitzeiten ist, dass sich etwa ein Viertel der Ärztinnen und Ärzte bereits für eine Reduzierung ihrer tarifvertraglich vorgesehenen, regelmäßigen Wochenarbeitszeit entschieden haben: 28 Prozent geben an, einen Teilzeitvertrag zu haben. Damit arbeiten nur noch sieben von zehn Ärzten (72 %) als Vollzeitkraft. Bei der Teilzeittätigkeit liegen die Ärztinnen vorn: 41 % arbeiten in Teilzeit, während nur 14 Prozent der männlichen Kollegen eine Reduzierung der Arbeitszeit in Anspruch nimmt.

    Die meisten Teilzeittätigen (59 %) vereinbaren mit ihrem Arbeitgeber eine regelmäßige Wochenarbeitzeit zwischen 30 und 39 Stunden. Vorgesehen ist nach dem Tarifvertrag für Ärzte in kommunalen Krankenhäusern eine Wochenarbeitszeit von 40 Stunden; in Unikliniken liegt sie bei 42 Stunden.

    „Überlange Arbeitszeiten, nicht planbare Überstunden und kurzfristig übernommene Dienste erschweren die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Immer mehr junge Frauen arbeiten in der kurativen Medizin. Daher gewinnt das Thema Teilzeit an Bedeutung. Die Arbeitgeber müssen sich auf die veränderten Bedürfnisse ihrer Belegschaft einstellen und mehr familienfreundliche Maßnahmen anbieten“, sagt Michael Wessendorf. 

    Zeitfresser Bürokratie
    Ein großes Problem für die schleswig-holsteinischen Ärztinnen und Ärzte ist die ausufernde Bürokratie. 60 Prozent der Ärztinnen und Ärzte beziffern den täglichen Zeitaufwand für Verwaltungstätigkeiten wie Datenerfassung oder Dokumentation auf drei und mehr Stunden. Drei von vier Ärzten (78 %) fühlen sich zudem durch nichtärztliches Fachpersonal nicht ausreichend von administrativen Tätigkeiten entlastet. „Medizinische Dokumentation ist wichtig, aber durch die überbordende Bürokratie wird den Ärzten wichtige Zeit geraubt, die sie für die Behandlung der Patienten brauchen. Die Umfrageergebnisse sind auch ein Auftrag an die Politik, endlich mit der Entbürokratisierung der ärztlichen Tätigkeit Ernst zu machen“, sagt Michael Wessendorf.

    Verbindliche Vorgaben für die Personalausstattung der Krankenhäuser
    Ein weiteres Thema, das den schleswig-holsteinischen Krankenhausärzten unter den Nägeln brennt, ist der Personalmangel. Bei 60 Prozent der Befragten sind mindestens zwei Arztstellen in der Abteilung nicht besetzt. „Ärztinnen und Ärzte erleben täglich die Unterbesetzung auf den Stationen. Ohne zusätzliches Personal im ärztlichen Dienst wird sich an der Überlastungssituation nichts ändern. Deshalb brauchen wir dringend verbindliche Personalvorgaben in den Krankenhäusern“, sagt Michael Wessendorf.

    Ärzte fühlen sich durch überlange Arbeitszeiten gesundheitlich beeinträchtigt
    Die Arbeitsbelastung der Ärztinnen und Ärzte an Schleswig-Holsteins Krankenhäusern ist alarmierend: Jeder zweite (49 %) fühlt sich häufig überlastet und 11 Prozent gehen bei der Arbeit ständig über ihre Grenzen. Davon am stärksten betroffen sind mit 72 Prozent die Ärztinnen und Ärzte in der Weiterbildung. Überstunden, fehlendes Personal und zunehmender Zeitdruck zehren an der Gesundheit der Ärzte in den Kliniken: Drei Viertel (76 %) haben das Gefühl, dass die Gestaltung der Arbeitszeiten sie in ihrer Gesundheit beeinträchtigt und über die Hälfte der Ärzte (60 %) bezeichnet die Qualität ihres Schlafs als mittelmäßig oder schlechter. Das große Arbeitspensum nimmt 78 Prozent der Befragten so stark in Anspruch, dass dadurch ihr Privat- und Familienleben leidet. 17 Prozent der angestellten Ärztinnen und Ärzte waren durch ihre Arbeit schon einmal so stark psychisch belastet, dass sie sich in ärztliche beziehungsweise psychotherapeutische Behandlung begeben mussten, zum Beispiel wegen eines Burnouts.

    „24 Stunden hoch konzentrierte Arbeit ohne Schlaf ist für viele Ärzte in Schleswig-Holsteins Krankenhäuser keine Ausnahme mehr. Immer häufiger müssen vor allem junge Ärzte derart lange und für Patienten unter Umständen gefährliche Dienstzeiten verkraften. Die Gefahr von Fehlern steigt enorm. Patienten haben das Recht, von ausgeruhten Ärzten behandelt zu werden. Übermüdetes Personal gefährdet aber nicht nur Patientenwohl. Die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern machen Ärzte, die sich um die Gesundheit anderer kümmern, selbst krank. Auch die Tatsache, dass man keine Zeit für die Patienten hat und den eigenen Ansprüchen an eine gute Versorgung nicht gerecht wird, kann emotional stark belasten. Wir brauchen in den Kliniken mehr Gesundheitsschutz für die zunehmend physisch und psychisch überlasteten Ärztinnen und Ärzte“, sagt Dr. Joachim Schur, zweiter Vorsitzender Marburger Bund Schleswig-Holstein.