Mehr als jede zweite Ärztin und jeder zweite Arzt erlebt Machtmissbrauch am Arbeitsplatz

Pressemitteilung
Grenzüberschreitungen belasten Beschäftigte und gefährden die Attraktivität des Arztberufs
11.Juni 2026
Kiel
Mehr als jede zweite Ärztin und jeder zweite Arzt hat in den vergangenen zwölf Monaten Machtmissbrauch durch ärztliche Beschäftigte am Arbeitsplatz erlebt. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Mitgliederbefragung des Marburger Bundes Schleswig-Holstein. Die Betroffenen berichten von respektlosem Verhalten, öffentlicher Bloßstellung, Benachteiligungen und erheblichen psychischen Belastungen. Die Ergebnisse zeigen zudem, dass sexuelle Belästigung im ärztlichen Arbeitsumfeld weiterhin ein relevantes Problem darstellt.
Machtmissbrauch
Machtmissbrauch

Machtmissbrauch gehört für viele zum Arbeitsalltag
57 Prozent der Befragten gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten persönlich Machtmissbrauch erlebt zu haben. Die Vorfälle treten dabei häufig nicht einmalig auf: Mehr als die Hälfte der Betroffenen berichtete von wiederkehrenden Erfahrungen im Laufe eines Jahres. 27 Prozent erlebten Machtmissbrauch mehrmals im Monat, 13 Prozent sogar mehrmals pro Woche.

In den allermeisten Fällen geht der Machtmissbrauch von ärztlichen Vorgesetzten aus (86 Prozent). Am häufigsten äußert er sich in einem respektlosen oder herablassenden Umgangston (84 Prozent). Ebenfalls häufig genannt werden das grundlose Infragestellen der eigenen Person oder Kompetenz (71 Prozent) sowie öffentliche Bloßstellungen oder Mobbing (47 Prozent).

Erhebliche Folgen für Beschäftigte und Versorgung
Die Folgen für die Betroffenen sind erheblich. 78 Prozent berichten von emotionaler Erschöpfung und anhaltender Anspannung, 71 Prozent von verminderter Arbeitsmotivation. 61 Prozent äußern den Wunsch nach einem Wechsel der Abteilung oder Klinik. Besonders alarmierend: 41 Prozent geben an, infolge ihrer Erfahrungen über einen Ausstieg aus der stationären Versorgung nachgedacht zu haben.

„Die Ergebnisse zeigen, dass Machtmissbrauch kein Randphänomen ist. Wenn Beschäftigte dauerhaft Respektlosigkeit, Einschüchterung oder Benachteiligung erleben, hat das Folgen für ihre Gesundheit, ihre Motivation und letztlich auch für die Patientenversorgung. Wer Fachkräfte halten will, muss deshalb auch die Arbeitskultur in den Blick nehmen“, sagt Michael Wessendorf, Vorsitzender des Marburger Bundes Schleswig-Holstein.

 

Sexuelle Belästigung wird selten gemeldet
Auch sexuelle Belästigung gehört für viele Ärztinnen und Ärzte zum Berufsalltag. 13 Prozent der Befragten berichten, innerhalb der vergangenen zwölf Monate selbst sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt zu haben. Die Mehrheit der Betroffenen schildert wiederholte Vorfälle. Nur knapp jede fünfte betroffene Person (19 Prozent) hat die erlebten Grenzüberschreitungen offiziell gemeldet.

„Dass vier von fünf Betroffenen sexuelle Belästigung nicht melden, muss uns alarmieren. Offenbar vertrauen viele Beschäftigte nicht darauf, dass Vorfälle konsequent aufgearbeitet werden oder befürchten Nachteile für die eigene berufliche Entwicklung. Hier besteht dringender Handlungsbedarf“, so Wessendorf.

Die Ergebnisse machen deutlich, dass Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung häufig in hierarchischen Strukturen stattfinden und für die Betroffenen mit erheblichen Belastungen verbunden sind. Gleichzeitig bleiben viele Vorfälle ohne offizielle Konsequenzen, weil sie nicht gemeldet oder nicht weiterverfolgt werden.

 

Schleswig-Holstein bestätigt bundesweiten Trend
Bemerkenswert ist, dass sich die Ergebnisse aus Schleswig-Holstein weitgehend mit den Befunden einer bundesweiten Befragung des Marburger Bundes decken. Trotz unterschiedlicher Teilnehmerzahlen zeigen sich bei zentralen Fragestellungen vergleichbare Muster. Dies spricht dafür, dass es sich nicht um Einzelfälle oder lokale Besonderheiten handelt, sondern um ein strukturelles Problem im ärztlichen Arbeitsumfeld.

„Natürlich bildet eine Mitgliederbefragung nicht jede Erfahrung im Gesundheitswesen ab. Umso bemerkenswerter ist, dass die Ergebnisse aus Schleswig-Holstein die bundesweiten Befunde in vielen Bereichen nahezu spiegeln. Das zeigt, dass wir nicht über Einzelfälle sprechen, sondern über ein Problem, das viele Ärztinnen und Ärzte kennen“, sagt Wessendorf.

Forderungen des Marburger Bundes
Michael Wessendorf stellt klar, was es aus Sicht des Marburger Bundes Schleswig-Holstein jetzt braucht: „ Erstens: unabhängige und vertrauenswürdige Meldestellen. Zweitens: bessere Kontrolle und Transparenz in der ärztlichen Weiterbildung durch die Ärztekammer bis hin zu Konsequenzen wie Entzug der Weiterbildungsbefugnis oder Kündigung.

Drittens: Führungskompetenz muss denselben Stellenwert bekommen wie fachliche Kompetenz. Wer Menschen führt, muss dafür qualifiziert sein. Denn gute Medizin entsteht nicht allein durch medizinisches Wissen. Sie entsteht auch durch Respekt, Fairness und Wertschätzung.“

Zur Befragung
An der Online-Befragung des Marburger Bundes Schleswig-Holstein beteiligten sich 348 Mitglieder. Die Befragung untersuchte Erfahrungen mit Machtmissbrauch und sexueller Belästigung durch ärztliche Beschäftigte am Arbeitsplatz sowie deren Auswirkungen auf die Betroffenen.a