• Studium und Kindererziehung im Alltag vereinen

    Hallo, Johanna! Schön, dass du dir Zeit für das Gespräch genommen hast. Wann hast du denn dein Studium abgeschlossen?

    Johanna: Ich habe im Frühjahr dieses Jahres das 3. Staatsexamen bestanden und meine Approbation erhalten. Studiert habe ich seit dem Wintersemester 2013 an der Philipps-Universität in Marburg.

     

    Wir wollen uns heute über deine Erfahrungen als Medizinstudentin und Mutter unterhalten. Du hast deine Kinder bereits während des Studiums bekommen. Wie kam es dazu?

    Johanna: Mein Partner und ich waren zum Zeitpunkt der ersten Schwangerschaft schon mehrere Jahre zusammen und hatten einen gemeinsamen Kinderwunsch für die Zukunft. Fest stand, dass ich mit dem Kinderkriegen nicht bis zur abgeschlossenen Facharztweiterbildung warten wollte, weil ich dann schon weit über dreißig Jahre alt gewesen wäre. Ich wurde dann tatsächlich ungeplant schwanger, doch rückblickend war es genau im rechten Augenblick. Wir lebten mit guten Freundinnen in einer großen WG und genossen unser studentisches Umfeld. Trotz temporär stressiger Phasen, konnten wir beide sehr viel Zeit mit unserer großen Tochter verbringen und darüber hinaus unser Studium fortführen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass das arbeitend genauso abgelaufen wäre. Aber natürlich war nicht alles einfach. Besonders Klausurenphasen stellten große Herausforderungen dar und ich musste mir eingestehen, dass ich Hobbys und Freundschaften als Mutter nicht im gleichen Maße aufrechterhalten konnte.

     

    Hat es dein Studium beeinflusst, dass du Kindererziehung mit deinem Alltag vereinen musstest?

    Johanna: Tatsächlich auch sehr positiv: Ich musste mir zwangsläufig eine starke Struktur für mein Studium einrichten. Dadurch habe ich viel effizienter gelernt und die Zeiträume, in denen ich lernen durfte, sehr genossen. An Motivation hat es mir nicht mehr gemangelt. Natürlich hatte ich insgesamt weniger Kapazitäten für das Studium als vorher. Darüber hinaus musste ich z.B. bei Famulaturen oder anderen Lehrveranstaltungen mehr darauf achten, pünktlich fertig zu werden, um meine Kinder aus der Kita abzuholen. Ich konnte weniger spontane Lehrangebote, wie z.B. spannende Wahlfächer an anderen Orten oder Nachtdienste, in Anspruch nehmen. Ich muss allerdings zugeben, dass es mir zunächst schwerfiel, mich auf Seminare und Vorlesungen zu konzentrieren, als meine Kinder noch sehr klein waren und gestillt wurden. Am wenigsten hat mir das Gefühl gefallen, von der Kulanz anderer abhängig zu sein. Beispielsweise wenn die Erwartungshaltung herrscht, dass man Termine und Famulaturen zeitlich überziehen kann und die Studierenden länger bleiben sollen. Länger zu bleiben war für mich wegen der Kinderbetreuung oft keine Option.

     

    Wie hast du das Praktische Jahr als Mutter erlebt?

    Johanna: Ich habe mein PJ in 75 Prozent Teilzeit begonnen und bin ab dem 2. Tertial auf Vollzeit gewechselt. Durch die Kinderbetreuung war ich an den Standort Marburg gebunden.

    Das Teilzeitmodell mit individuelleren Arbeitszeiten hat viele Vorteile, allerdings wurde mir schon das Gefühl vermittelt, dass ich zu den „typischen“ PJ-Tätigkeiten, z.B. Blutentnahmen und zum Durchführen von Aufnahmeuntersuchungen, anwesend sein sollte. Während des Praktischen Jahres wurde ich zum zweiten Mal schwanger. Durch die Schutzauflagen der COVID19-Pandemie wusste ich, dass man mit Bekanntgabe der Schwangerschaft sofort ins Beschäftigungsverbot kam. Einerseits ist es natürlich ein Luxus, dass Deutschland dem Schwangerschaftsschutz einen so hohen Stellenwert beimisst. Andererseits hätte ich mit dieser Schutzauflage meine Ausbildung vorläufig nicht weiterführen können, was sich für mich wie eine Bevormundung angefühlt hat und finanziell für uns als Familie herausfordernd war, wenn ich noch länger Studentin ohne Einkommen bliebe. Nach eigenem Abwägen entschloss ich mich, die Schwangerschaft bis zum Ende des Tertials zu verheimlichen,  denn die Fortsetzung des Praktischen Jahres wäre für mich als Schwangere in pandemischen Zeiten nicht möglich gewesen.

     

    Wer unterstützt dich bei der Kindererziehung?

    Johanna: Mein Partner ist eine große Unterstützung. Wir legen viel Wert auf Gleichberechtigung in der Erziehung. Punktuell konnten uns auch die Großeltern aushelfen. Natürlich sind wir dankbar, dass unsere Kinder in Kinderkrippe und -garten unter der Woche betreut werden konnten, wobei das auch zwischenzeitlich während der COVID19-Pandemie sehr eingeschränkt möglich war.

     

    Gab es auch Unterstützung am Fachbereich/an der Universität?

    Johanna: Unser Dekanat war sehr hilfreich. Insbesondere die PJ-Beauftragte hat sich immer an den Bedürfnissen der Mütter orientiert und uns viel Flexibilität ermöglicht. Es gab zudem Angebote für finanzielle Unterstützung, wenn Lehrveranstaltungen über die Kita-Öffnungszeiten hinaus andauerten und die Kinder durch Babysitter*innen betreut werden mussten.

     

    Was sind deine Tipps für Mütter/Väter, die Medizin studieren?

    Johanna: Als erstes: Traut euch!

    Traut euch, offen mit Lehrpersonen und Fachbeauftragten zu kommunizieren und eure Bedürfnisse und Rahmenbedingungen zu besprechen. Meistens wird sehr viel mehr ermöglicht, als man sich vorher ausgemalt hätte.

    An wichtigen Terminen, z.B. Staatsexamina und Klausuren, habe ich versucht, über die Kita hinaus, eine zweite Betreuungsoption zu organisieren. Das hat mich innerlich sehr entspannt, doppelt abgesichert zu sein und mich voll auf die Prüfungen konzentrieren zu können. Wenn es möglich war, habe ich versucht, außerhalb der eigenen Wohnung zu lernen. Die räumliche Trennung hat für weniger Unterbrechungen durch die Kinder gesorgt und mir geholfen, mich besser konzentrieren zu können.

     

    Was muss sich deiner Meinung nach verändern, um Müttern/Vätern das Medizinstudium zu erleichtern?

    Johanna: Insbesondere dass es für das Praktische Jahr keine ausreichende Aufwandsentschädigung gibt, war für uns als Familie ein echtes Problem. Ich habe zusätzlich zum PJ und zur Erziehung meiner zwei Kleinkinder zwischenzeitlich noch einen Nebenjob annehmen müssen. Damit habe ich mich komplett überlastet. Zusätzlich war es problematisch, dass mit den wechselnden Regelungen die Corona-Krankheits- oder Quarantänetage teilweise als Fehltage angerechnet wurden. Ich hatte ständig Sorgen, dass ich meine Fehltage überschreite und mein PJ gegebenenfalls verlängern muss. Denn zu meinen eigenen Krankheitstagen kamen natürlich die Kinderkrankentage hinzu. Ich finde, Mütter und Väter sollten zusätzliche Kinderkrankentage eingeräumt bekommen. Es wäre ebenfalls eine enorme Verbesserung, wenn Lehrveranstaltungen nicht zu früh starten würden. Einige Veranstaltungen und Famulaturen meines Studiums starteten gleichzeitig mit oder sogar vor der Öffnungszeit der Kita. Würden die Lehrveranstaltungen etwas später starten, zum Beispiel erst um halb 9, könnten viele Eltern deutlich stressfreier in den Tag starten. Während des Studiums hätte es mir auch sehr geholfen, wenn wir zwei flexible Prüfungstermine gehabt hätten – anstatt eines verpflichtenden Erstversuches. Ein zusätzlicher Termin am Ende der Semesterferien würden insbesondere Eltern mehr Zeit zum Lernen verschaffen. Die Schwangerschaften haben natürlich ihre eigenen Herausforderungen mit sich gebracht. Ich musste mich separat bei den Lehrbeauftragten melden und mich um Gefährdungsbeurteilungen bemühen. Das alles zusätzlich in den Alltag einzubauen, war zum Teil ein organisatorischer Akt.

     

    Was konntest du durch deine Rolle als Mutter lernen, das dir für deinen späteren Beruf hilft?

    Johanna: Während meiner Schwangerschaft und bei meiner Geburt habe ich die Patient*innen-Perspektive selbst kennengelernt. Das hat mich sensibilisiert und ich lege seitdem mehr Wert auf den Schutz der Intimsphäre meiner Patient*innen. Auch mein Einfühlungsvermögen hat sich weiterentwickelt. Insgesamt habe ich als Mutter einige Management-Qualitäten entwickelt, die mir im Stationsalltag zugutekommen werden. Unter anderem kann ich besser mit Stress umgehen. Und mit einem Baby zuhause lernt man (unfreiwillig) 24-Stunden-Dienste kennen.

     

    Spielt es für die Auswahl deiner Facharztweiterbildung eine Rolle, dass du Mutter bist?

    Definitiv, insbesondere da ich zunächst in Teilzeit arbeiten möchte. Es ist leider nicht so einfach, insbesondere am Berufsanfang, sich auf Teilzeitstellen zu bewerben. Ich weiß, dass mein Wunschfach, Unfallchirurgie, mit den langen Arbeitszeiten und der hohen Anzahl an Diensten, für mich als Mutter aktuell nicht in Frage kommt. Das ist schade. Um eine Teilzeitstelle zu bekommen, bewerbe ich mich aktuell auf eine Stelle in der Inneren Medizin oder in der Allgemeinmedizin. Positiv erwähnen möchte ich aber auch, dass ich dank meiner Kleinkinder meine Grenzen klar setzen kann. Massive Überstunden und eine horrende Arbeitsbelastung mit hoher Aufopferungsbereitschaft, die ich bei vielen meiner künftigen Kolleg*innen sehe, kann und möchte ich nicht mit meiner Kinderbetreuung vereinen. Ich wünschte, dass ich beim Arbeitsort und der Gestaltung meiner Arbeitszeiten mehr Flexibilität hätte. Modelle wie Tages- oder Zwischenschichten und geteilte Stellen sind aktuell leider noch rar.

     

    Wenn ihr euch heute noch einmal dafür entscheiden könntet, würdet ihr eure Familienplanung genauso wiederholen?

    Johanna: Insgesamt sind mein Partner und ich sehr zufrieden, dass wir jung unsere Kinder bekommen haben.

    Natürlich gab es viele stressige Phasen, vor allem bei der Prüfungs- und Examensvorbereitung. Doch ich habe viel Entgegenkommen und Unterstützung erlebt und konnte mich auf unser Dekanat verlassen.

     

    Gibt es noch etwas, was du teilen möchtest?

    Johanna: Ich würde gern nochmal unterstreichen, dass es sich hier lediglich um meine individuelle Sichtweise handelt und Kinderkriegen sowieso etwas total Individuelles ist. Für mich war es gut und richtig, Studium und Kinderkriegen unter einen Hut zu bekommen. Ich bin aber auch ziemlich stressresistent. Allerdings haben mir viele Ärzt*innen im Krankenhaus zurückgemeldet, dass das Studium der beste Zeitpunkt zum Kinderkriegen sei, da man nie wieder im Leben so viel Zeit mit ihnen verbringen könne. Diesen letzten Punkt jedenfalls kann ich wirklich bestätigen.

     

    Das Gespräch führte Pauline Graichen, Vorsitzende des Sprecherrates der Medizinstudierenden im Marburger Bund.