Eine Tätigkeit in der medizinischen Versorgung ist mit einem erhöhten Risiko verbunden, sexuelle Belästigung zu erfahren. Zwar deuten Studien auf eine hohe Prävalenz in Deutschland hin, doch fehlen bislang multizentrische Untersuchungen, die auch Pflegekräfte einbeziehen. Die Folgen sexueller Belästigung reichen von physischen und psychischen Belastungen bis zu Problemen im Arbeitsumfeld. Diese groß angelegte, multizentrische Querschnittsstudie ist die erste, die die Häufigkeit sexueller Belästigung unter Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften in der akademischen Medizin in Deutschland systematisch untersucht. Grundlage für die Studie waren Befragungen an den vier baden-württembergischen Universitätskliniken. Aus den Ergebnissen folgte eine Kampagne, die sich gegen sexualisierte Belästigung an den Universitätskliniken richtet.
Forschende des Universitätsspitals Lausanne (CHUV) befragten in Zusammenarbeit mit dem Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und ‑ärzte (vsao) Ärztinnen und Ärzte in Schweizer Hospitälern. Knapp ein Drittel des ärztlichen Personals hat schon einmal sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt, oft sogar mehrfach. Gemeldet wird ein Großteil der Fälle jedoch nicht – und wenn doch, hat die Meldung in einem von drei Fällen keinerlei Maßnahmen zur Folge. Das sind wesentliche Ergebnisse der Schweizer Studie.
Im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes wurde von Juni 2018 bis Mai 2019 eine empirische Studie zu sexueller Belästigung am Arbeitsplatz durchgeführt. Die Studie wurde geleitet von Vertr. Prof. Dr. Monika Schröttle am Institut für empirische Soziologie an der Universität Erlangen Nürnberg und Dr. Henry Puhe vom SOKO Institut in Bielefeld. Ziel der Studie war es, anhand von Einzel- und Gruppeninterviews die Perspektive der von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz betroffenen Frauen und Männer sowie ihrer betrieblichen Umfelder zu erfassen und somit Informationen für ein erfolgreiches Vorgehen gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zu gewinnen. Auf dieser Basis sollten effektive und nachhaltige Präventionsmaßnahmen sowie praxisnahe Handlungsempfehlungen für Betroffene, Arbeitgeber_innen, Unterstützungsstrukturen, Gesetzgebung und Politik entwickelt werden.
