Christian Stroh ist Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats der Kliniken Südostbayern AG. Im Interview mit Jörg Ziegler aus der MBZ-Redaktion berichtet er etwa, warum sich in der Mitbestimmung engagiert.
Warum engagieren Sie sich im Betriebsrat?
Christian Stroh: Gerade in einer Sparte, die durch äußere Zwänge dauerhaft enorme finanzielle Sorgen hat und daher einen hohen wirtschaftlichen Druck verspürt, so wie die stationäre Gesundheitsversorgung, ist der Druck auf die Mitarbeitenden manchmal immens. Hinzu kommt, dass viele Mitarbeitende im Gesundheitswesen einen sehr ausgeprägten karitativen Grundgedanken in sich tragen und damit Gefahr laufen, leichter ausgebeutet zu werden als Mitarbeitende anderer Sparten. Dies, gepaart mit der Wahrnehmung, das Vorgesetzte und Führungskräfte nicht immer das Wohlergehen der Mitarbeitenden als Ziel im unmittelbaren Fokus haben, veranlasst mich zu meinem täglichen Tun.
Die immer noch vorhandenen Hierarchien und Machtgefälle, die auch an anderer Stelle gerade sehr offen diskutiert werden, nehme ich leider auch in meiner täglichen Arbeit war. Hier möchte ich einerseits einen Gegenpunkt setzen und den zum Teil toxischen Führungspersönlichkeiten aufzeigen, dass auch für sie Grenzen gelten. Andererseits sind es aber zum Glück auch immer wieder Begebenheiten und Themen, bei denen wir Betriebsräte sehr förderlich und Vertrauensvoll mit dem Arbeitgeber zusammenarbeiten können, um über das Wohlergehen der Belegschaft zu einem guten oder noch besseren Unternehmenserfolg beitragen zu können, gerade in Punkten innerbetriebliche Qualifizierung und Fortbildung oder auch im Bereich eines betrieblichen Gesundheitsmanagements. Ich erlebe oft, dass ich Sachverhalte und Probleme thematisieren kann, die sich der einzelne Mitarbeitende nicht anzusprechen traut. Leider ist es so, dass gerade im ärztlichen Bereich die weiterzubildenden Kolleginnen und Kollegen immer wieder verspüren, besser nicht aus der Reihe zu tanzen, um ihr berufliches Auskommen nicht zu gefährden. Vereinzelt erlebe ich immer noch Meinungen einzelner Chefärzte zum ärztlichen Selbstverständnis, zum Verhältnis von Beruf und privater oder familiärer Verwirklichung oder auch zur Einhaltung von Arbeitszeit- und Arbeitsschutzregelungen, die nahezu grotesk auf mich wirken.
Was hat Sie dazu motiviert, sich für den Betriebsrat aufstellen zu lassen, und wie verlief Ihr Weg in das Gremium?
Stroh: Mein Chef hatte zur Betriebsratswahl 2018 dafür geworben, dass alle Berufsgruppen eines Krankenhauses im Betriebsrat vertreten sein sollten, und zu diesem Zeitpunkt waren die Ärzte deutlich unterrepräsentiert. Das war mein Einstieg. An unserem Haus war die Listenwahl schon etabliert und wir haben damals eine Ärzteliste gegründet, die durch den Marburger Bund unterstützt wurde. Schwups – schon war ich Betriebsrat.
Kurz darauf war ich zunächst einmal völlig geplättet durch die Vielzahl der Themen, die da alle auf mich einprasselten. Recht schnell war mir aber auch klar, dass ich mich fokussieren muss und welche Missstände es anzupacken galt. Und da ich dafür auch recht motiviert war, entwickelte sich meine betriebsrätliche Tätigkeit in den letzten sieben Jahren konstant weiter, über die Mitarbeit in verschiedene Ausschüssen und Verhandlungsgruppen, über den stellvertretenden Betriebsratsvorsitz und eine 20prozentige Freistellung dann mittlerweile zu einer hälftigen Freistellung und dem Amt des Gesamtbetriebsratsvorsitzenden sowie das eines Arbeitnehmervertreters im Aufsichtsrat.
Welche Strategien oder Erfahrungen haben sich als hilfreich erwiesen, um neue Kolleginnen und Kollegen für die Mitarbeit im Betriebsrat zu gewinnen?
Stroh: Zum einen: motivieren durch das eigene Handeln. Zum anderen: nicht mit der Realität hinter dem Berg halten oder diese versuchen zu beschönigen. Das merken die Kolleginnen und Kollegen recht schnell, und dann wars das mit der Motivation oder dem Engagement für die Betriebsratsarbeit.
Leider ist es unglaublich schwer, überhaupt Menschen zum Mitmachen und einem Engagement für die Allgemeinheit zu motivieren. Jeder hat persönlich drei bis fünf Gründe, warum er persönlich gerade für ein solches Engagement nicht in Frage kommt. Jeden einzelnen dieser Gründe kann ich total gut nachvollziehen mit dem einzigen Problem, dass wir als Gesamtheit der Mitarbeitenden deutliche Nachteile erleben, wenn sich keiner mehr von uns für die Belange von Allen einsetzt.
Inwiefern hat Ihre Tätigkeit im Betriebsrat Ihre persönliche Entwicklung oder Ihre beruflichen Perspektiven beeinflusst?
Stroh: Persönlich hat mich diese Tätigkeit enorm weitergebracht. Ich habe einen völlig anderen Blick auf die Zusammenhänge in einem Krankenhaus aber auch im Gesundheitssystem allgemein bekommen. Ich verstehe auch die Sorgen und Zwänge von Krankenhausbetreibern viel besser. Ich versuche bei allem, beide Seiten zu verstehen. Wenn es zum Beispiel um Arbeitszeiten oder Dienstmodelle geht, ist es wichtig, nicht nur die Arbeitnehmerbrille zu tragen, sondern eben auch die Schwierigkeiten von Dienstplanern und -planverantwortlichen zu verstehen und anzuerkennen. Verhandlen, Krisengespräche, Streitgespräche, Vorträge halten – all das geht mir jetzt leicht von der Hand. Ich habe tiefe Einblicke in Managementmethoden, in Themen der Personalführung und -entwicklung, in Umweltschutz-, Nachhaltigkeits-, Governance- und Risk-Management-Themen, die ich als Anästhesist oder Intensivmediziner in dieser Vielfalt vermutlich so nicht bekommen hätte.
Welche Kompetenzen oder Erfahrungen, die Sie sich als Betriebsrat angeeignet haben, empfinden Sie auch außerhalb des Gremiums – etwa für Ihre berufliche Entwicklung – als besonders wertvoll?
Stroh: Die Betriebsratsarbeit hat meinen Horizont in vielen Bereichen erweitert. Man bekommt ein viel tiefergehendes Verständnis von den rechtlichen Rahmenbedingungen, die das Berufsleben in Deutschland prägen. Viele Themen der Arbeit können einem als Führungsperson und Vorgesetzer sehr dienlich sein. Man lernt, Kompromisse zu finden oder schwierige, auch konfliktive Gespräche zu führen. Man lernt die Heterogenität des eigenen Unternehmens viel intensiver kennen und ist nicht mehr nur auf sein „weißes“ Themengebiet isoliert. Gleichzeitig lernt man eine schnelle Analyse auch von sehr komplexen und breiten Themenfeldern mit einer Zentrierung auf deren Kernthemen. Und man bekommt mit der Zeit auch ein Gefühl dafür, wenn bestimmte Aspekte oder Probleme versucht werden, unter der Oberfläche im Verborgenen zu lassen. Obwohl es oftmals sehr lohnenswert ist, sich genau mit diesen näher zu beschäftigen.
Herr Stroh, vielen Dank für das Interview.
