Mehr Praxisbezug im Studium, eine Stärkung der Allgemeinmedizin und eine bessere Befähigung zu wissenschaftlichem Arbeiten – das waren die zentralen Ziele eines groß angelegten Reformvorhabens für das Medizinstudiums, das vor bald zehn Jahren eine ganz große Koalition vereinbart hatte: Die Fachministerien für Gesundheit und Bildung auf Bundesebene sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gesundheits- und der Kultusministerkonferenz der Länder und der Koalitionsfraktionen des Deutschen Bundestages beschlossen am 31. März 2017 den "Masterplan Medizinstudium 2020".
Eine entsprechende Novelle der Ärztlichen Approbationsordnung (ÄApprO) liegt seit Jahren auf dem Tisch. Doch die politischen Arbeiten an der Reformbaustelle Medizinstudium sind weitgehend eingestellt – mit ungewisser Zukunft. Bund und Länder konnten sich bis heute nicht auf eine gemeinsame Finanzierungsverantwortung einigen. Die Folge: Die geplanten Reformen können nicht an allen Universitäten in gleicher Weise umgesetzt werden. Der ungelöste politische Reformstau führt nicht nur zu einem föderalen Flickenteppich: Auch die Qualität des Medizinstudiums bleibt so hinter ihren Möglichkeiten. Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD heißt es zwar, dass die Ziele des Masterplans „weitergetragen“ werden. Von der konkreten Umsetzung des Masterplans ist dort aber nicht die Rede.
In der neuen Ausgabe der Diskussionssendung MB-DIREKT fragt der Marburger Bund: Wie kann der Gordische Knoten im Konflikt zwischen Bund und Ländern gelöst werden? Welche Folgen hat der fortgesetzte Reformstau sowohl für die Studentinnen und Studenten als auch für die ärztliche Versorgung? Und wie lassen sich die bestehenden Strukturen in der Universitätsmedizin stärken, um ein Ineinandergreifen von Lehre, Forschung und Patientenversorgung zu fördern?
Johannes Wagner, Mitglied des Bundestages von Bündnis 90/Die Grünen, führt die ungelösten Finanzierungsfragen auf mangelnden politischen Willen zurück: „Wir wissen aus anderen Debatten: Wenn der politische Wille da ist, dann ist auch Geld da. Die Frage ist: Setzt sich die Ministerin für Gesundheit dafür ein? Wir sagen als Grüne: Für gute Lehre braucht es auch Geld. Trotzdem sage ich als Bundestagsabgeordneter: Die Bundesländer müssen auch ihrer Verantwortung gerecht werden.“
Tina Rudolph, Staatssekretärin im Ministerium für Soziales, Gesundheit, Arbeit und Familie des Freistaates Thüringen, will vor allem den föderalen Flickenteppich medizinischer Studieninhalte überwinden: „Es geht darum, eine Vereinheitlichung herzustellen, dass bestimmte, gerade auch moderne Inhalte dann wirklich verlässlich überall für Medizinstudierende verfügbar sind.“ Dazu gehört für sie mehr Digitalisierung im Studium und eine stärkere Verzahnung von Klinik und Vorklinik. Denn, so Rudolph: „Das hilft dann auch dabei, wirklich kompetenzorientiert zu studieren und zu denken.“
Deutliche Kritik übt die Staatssekretärin an den aktuellen Arbeitsbedingungen im Praktischen Jahr (PJ): „Ich finde es absurd, von Medizinstudierenden zu verlangen, dass man keinen einzigen Tag krank sein darf bzw. Krankheit de facto – da ist ja das, was dann passiert – mit dem Urlaub verrechnet wird.“
Tobias Bokowski, Vorsitzender des Sprecherrats der Medizinstudierenden im Marburger Bund, plädiert insbesondere für gut gemachte Reformen im Medizinstudium. Als Beispiel nennt er Parcoursprüfungen, die darauf ausgelegt sind, das praktische Handeln in berufsnahen Situationen zu testen. „Solche Prüfungen werden von Studierenden natürlich unterschiedlich beurteilt. Manche finden das super, weil sie dafür sehr strukturiert lernen müssen. Andere sagen: ‚Noch mehr Prüfungen, ich bin sowieso schon ganz gut bedient.‘ Ich meine, wenn Parcoursprüfungen gut gemacht werden und man gut vorbereitet wird, dann können sie wirklich etwas bringen, für die Famulatur und auch für das Praktische Jahr. Ganz klar wäre das dann etwas, wofür man natürlich Geld in die Hand nehmen muss.“
Frank Wissing, Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages, fordert beim weiteren Reformweg vor allem ein zügiges Vorgehen und warnt vor einer weiteren Verschleppung der politischen Beratungen wie in langwierigen Bund-Länder-Arbeitsgruppen der Vergangenheit. „So ein bisschen geht uns langsam die Geduld aus.“ Wissing beklagt, dass Medizinische Fakultäten, die eigene Reformanpassungen vornehmen wollen, durch politische Ankündigungen immer wieder zurückgehalten würden: „Das wird mühsam.“
Die MB-DIREKT-Sendung zur Reform des Medizinstudiums finden Sie hier.
