• Kaum Pläne, reichlich ungeschriebene Gesetze

    Umfrage unter Ärzt:innen in Weiterbildung
    12.Dezember 2023
    Immer wieder berichten Mitglieder des Marburger Bundes Sachsen von schwierigen Weiterbildungsbedingungen. Das Netzwerk Junge Ärztinnen und Ärzte des MB Sachsen hat diese Berichte zum Anlass einer Mitgliederumfrage zur Weiterbildung genommen, an der sich im Juni 2023 220 Ärztinnen und Ärzte beteiligt haben.
    Weiterbildungspläne quasi nicht-existent

    Laut sächsischer Weiterbildungsordnung muss die Weiterbildung in strukturierter Form erfolgen. Empfohlen wird dafür ein Weiterbildungsplan. Allerdings hat nur ein Bruchteil der Befragten einen solchen Plan jemals zu Gesicht bekommen: 91 Prozent geben an, dass ihnen kein strukturierter Weiterbildungsplan vorgelegt wurde. Bei knapp der Hälfte derjenigen, die einen Weiterbildungsplan haben, spielt er in der Praxis keine Rolle.

    E-Logbuch wird nur wenig genutzt

    Zur digitalen Dokumentation der in der Weiterbildung erlangten Kompetenzen gibt es in Sachsen seit 2021 das E-Logbuch der Ärztekammer. 19 Prozent der Umfrageteilnehmer nutzen es ausschließlich und zehn Prozent in Kombination mit dem konventionellen Logbuch. Die Nutzerfreundlichkeit des E-Logbuchs bewerten die Ärztinnen und Ärzte in der Umfrage mit durchschnittlich 3 von 5 Punkten. In offenen Antworten berichten die Umfrageteilnehmer unter anderem von einer umständlichen Bedienung und der fehlenden Akzeptanz des Tools durch Weiterbildungsermächtigte.

    Teilzeit für die Work-Health-Balance

    In Zeiten zunehmender Arbeitsverdichtung ist Work-Life-Balance für viele Mediziner kein Trend, sondern Gesundheitsschutz. Wir wollten wissen, welchen Rahmen es hier für sich weiterbildende Ärztinnen und Ärzte gibt. Das Ergebnis: 28 Prozent der Befragten erhalten vom Arbeitgeber keine Unterstützung bei der besseren Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf. 35 Prozent wünscht sich diesbezüglich mehr Flexibilität, 28 Prozent haben einen Kompromiss mit dem Arbeitgeber gefunden. Lediglich 19 Prozent geben an, dass der Arbeitgeber die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördert.

    29 Prozent der Umfrageteilnehmer arbeiten Vollzeit, da Teilzeit in der eigenen Abteilung unerwünscht ist. 23 Prozent berichten, dass der Wunsch nach Teilzeit den Abschluss eines Anschlussarbeitsvertrags erschwert. 45 Prozent der Befragten, dass ein Teilzeitwunsch zu Nachteilen beim Erlangen von Kompetenzen führen kann. 13 Prozent geben gar an, dass Teilzeit systematisch verwehrt wird. In offenen Antworten berichteten zudem zahlreiche Ärztinnen und Ärzte von Diskriminierung aufgrund ihres Teilzeitwunsches.

    Verhältnis zum Weiterbilder

    Uns hat auch das Verhältnis zwischen Weiterbildern und Weiterzubildenden interessiert: 53 Prozent der Befragten bezeichnen dieses Verhältnis als gesund. 30 Prozent geben an, sich in einem Abhängigkeitsverhältnis zu befinden. 48 Prozent bestätigen, dass die Dokumentation von Überstunden durch den Weiterbilder nicht erwünscht ist, bei 25 Prozent trifft dies auch das Engagement für bessere Weiterbildungsbedingungen zu.

    „Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung wollen gut ausgebildet werden, und nicht nur die Lücken in den Dienstplänen stopfen. In der Weiterbildung gibt es viele Defizite. Das war bereits vor dieser Umfrage offensichtlich. Deshalb wollen wir ein Assistentensprechernetzwerk ins Leben rufen. Wir ermutigen alle Kolleginnen und Kollegen in Weiterbildung, hier mitzuwirken!“, ruft Dr. Tim Wenzel, Vorstandsmitglied beim MB Sachsen und Mit-Initiator des Netzwerks Junge Ärztinnen und Ärzte, auf.

    Moralischer Stress

    Souveränes Auftreten und Belastbarkeit bleiben im Arztberuf mindestens genauso wichtig wie die Approbation. In der Umfrage gibt allerdings ein Drittel der Befragten an, große Unsicherheit bei wichtigen Behandlungsentscheidungen zu haben. 40 Prozent fühlen sich bei der Patientenversorgung ganz oder zum Teil von betriebswirtschaftlichen Aspekten unter Druck gesetzt. 20 Prozent stehen häufig unter moralischen Stress, 25 Prozent bestätigen dies teilweise. „Der Druck im Kessel Gesundheitssystem steigt. Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung dürfen nicht das Ventil werden. Moralischer Stress schadet allen. Wir wollen ein Gesundheitssystem, in dem jede Ärztin und jeder Arzt allein seinem Gewissen verpflichtet ist“, konstatiert Torsten Lippold, 1. Vorsitzender des MB Sachsen.

    Netzwerk adressiert Themen an Ärztekammer

    Zu den Ergebnissen der Umfrage hat sich das Netzwerk Junge Ärztinnen und Ärzte unter anderem beim letzten Treffen am 2. November mit Vertretern der Sächsischen Landesärztekammer (SLÄK) ausgetauscht. Sie informierten das Netzwerk über Initiativen innerhalb des sächsischen Ärzteparlaments, die Dokumentation und Evaluation der ärztlichen Weiterbildung zu verbessern. Die Akteure verständigten sich darauf, sich bei gemeinsamen Interessen gegenseitig zu unterstützen.

    „Von anderen Organisationen hören wir oft, dass die von uns benannten Probleme ihnen in dieser Breite nicht bekannt sind. Möglicherweise wenden sich zu wenige Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung bei Schwierigkeiten an ihre Kammer. Dass Defizite nicht gemeldet werden, bedeutet nicht, dass es sie nicht gibt! Es ist wichtig, dass wir unsere Anliegen aktiv und laut nach außen tragen!“, appelliert Dr. Christin Wendt, Vorstandsmitglied im MB-Sachsen und Mit-Initiatorin des Netzwerks.

    Kontakte

    MB-Mitglieder können sich mit ihrem Anliegen über das Referat Verbandskommunikation (per Mail an dolk@mb-sachsen.de) an das Netzwerk Junge Ärztinnen und Ärzte wenden und der gemeinsamen Signal-Gruppe des Netzwerks beitreten. In der SLÄK können sich hilfesuchende Ärztinnen und Ärzte unter Einhaltung der Verschwiegenheit an eine Vertrauensperson der Ombudsstelle wenden (E-Mail: ombusstelle@slaek.de, Telefon 0351 8267-411/-311).