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  • „Lasst Euch impfen, ehe wir alle kollabieren“*

    Mitgliederumfrage Corona
    10.Dezember 2021
    Dresden
    Die sächsischen Krankenhäuser und Arztpraxen befinden sich aktuell in der wohl herausforderndsten Situation seit Beginn der Pandemie. Wovor Ärztevertreter und Krankenhäuser seit Wochen warnen, bestätigen jetzt die in sächsischen Kliniken und Arztpraxen angestellten Ärztinnen und Ärzte in einer Mitgliederbefragung des Marburger Bundes Sachsen. 593 Personen haben sich zwischen dem 29. November und dem 5. Dezember 2021 an der Kurzumfrage zur aktuellen Corona-Lage beteiligt.

    90 Prozent der Befragten gibt in der Umfrage an, dass ihre Klinik innerhalb der letzten zehn Tage die Behandlung von Nicht-Corona-Patienten aufgrund der Behandlung von Covid-19-Patienten einschränkten musste. Noch vor einem Jahr lag dieser Wert in Sachsen bei 70 Prozent. Dabei wächst der Bedarf an Betten mit jeder Coronawelle:  Mehr als die Hälfte der befragten Ärztinnen und Ärzte sieht in ihrem Bereich einen Rückstau von Behandlungen aufgrund der corona-bedingten Bettenschließungen in den vergangenen Monaten.

    „Da ist das gewohnte medizinische Niveau oft nicht mehr zu halten.“*

    Fast 300 Ärztinnen und Ärzte haben konkrete Einschränkungen in der Einrichtung, in der sie tätig sind, geschildert: Die meisten beklagen eine sinkende Therapiequalität aufgrund abgesagter Behandlungen. Es werden Situationen beschrieben, in denen selbst Menschen mit dringlichem Behandlungsbedarf nicht adäquat versorgt werden können. Zudem leiden die Patienten unter dem Besuchsverbot. Fast ein Drittel der Befragten beschreibt dezidiert eine physische oder psychische Überlastung.

    Keine geregelte Facharztausbildung. Dafür Abstrichstelle und Personalimpfungen“*

    Viele Befragte geben an, dass die ärztliche Fort- und Weiterbildung unter der aktuellen Situation leidet. Auch die zusätzlichen Test- und Hygieneverpflichtungen binden Personal, das in der Krankenversorgung fehlt: „Testpersonal wird aus Stationen rekrutiert, was dort wieder zur Verschärfung der Arbeitsbelastung führt.“* Vereinzelt berichten die Befragten über den Mangel von Tests oder anderen Medizinprodukten.

    „Keine Behandlungskapazitäten mehr“*

    Die Zunahme an Notfallpatienten mit Corona verengt das Nadelöhr der Akutbehandlung: 35 Prozent der Befragten gibt an, dass es in ihrem Haus durch Covid-19 bedingte Situationen gibt, in denen sie die Behandlung von Notfallpatienten im Sinne einer Triage priorisieren mussten. „Es ist Standard in der Akutmedizin und im Interesse von Notfallpatienten, dass sich die Reihenfolge der Versorgung nach der Dringlichkeit der Behandlung und nicht nach der Ankunftszeit in der medizinischen Einrichtung richtet. Durch Corona werden die Spielräume allerdings kleiner – zu klein. Viele unserer Mitglieder schildern erschütternde Fälle von Patienten, denen sie nicht die Therapie ermöglichen können, die sie benötigen“, zeigt sich Torsten Lippold, Vorsitzender des Marburger Bundes Sachsen, betroffen über die Angaben in der Umfrage.

    „Wir sind Coronastation geworden, zum 4ten Mal.“*

    Die Krankenhauslandschaft sieht das dauerhafte Betreiben von bettenstarken Infektionsbereichen nicht vor. Um die vielen Covid-Patienten versorgen zu können, wechselt ohnehin knappes Personal aus anderen Fachabteilungen in die Pandemiebereiche. Das bestätigt auch die Umfrage: 74 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte in Sachsen gibt an, dass ihre Abteilung Personal abgeben musste, um die Versorgung auf den Corona-Stationen zu unterstützen. 42 Prozent der Befragten geben an, dass in ihrer Einrichtung über 20 Prozent aller verfügbaren Betten personalbedingt nicht mit Patienten belegt werden können.

    „Alle Kollegen überlastet und mit ihren Kräften am Ende“ - „Ich bin so unendlich müde und fertig“*

    33 Prozent der Befragten glaubt nicht, dass die Ärztinnen und Ärzte sowie das Pflegepersonal ihrer Klinik unter den aktuellen Bedingungen mehr als vier Wochen weiterarbeiten kann. Nur 41 Prozent glauben, dass das möglich sei. „Wir können nur deshalb mehr als 4 Wochen weiter so arbeiten, weil wir offensichtlich altruistisch oder masochistisch sind“*, gibt einer der Befragten an. Eine weitere Antwort zeugt vom dennoch hohen Engagement: „Trotz allem haben wir noch sehr motiviertes Personal, das Personal was jetzt noch bei der Stange bleibt, ist einfach fantastisch!“*

    „Stündliche Umplanung der Dienste, keine Urlaubstage, kurzfristige Dienständerungen mit umtägigen 24h Diensten“*

    Mehrere Befragte äußern ihr Unverständnis darüber, dass Ärztinnen und Ärzte keine Corona-Prämie erhalten. „Kurzfristige Dienstplanänderungen, Urlaubssperre, sehr viele Überstunden und die Unterbrechung von Fort- und Weiterbildungen: Die Arbeitsbelastung unserer Mitglieder steigt, Qualifizierung und damit Qualität werden zurückgestellt. Auch die Ärztinnen und Ärzte in Sachsen sind am Anschlag. Umso erschreckender, dass uns aus einzelnen Häusern parallel vom Stellenabbau im ärztlichen Dienst berichtet wird und der ärztliche Dienst nach wie vor bei der Corona-Prämie im großen Stil übergangen wird“, findet der sächsische Vorsitzende des Marburger Bundes.

    „Ungeimpfte Patienten sind oft aggressiv. […] Ein Patient wollte auf mich husten“*

    In Krankenhäusern und Praxen prallen Befürworter auf Impfgegner: Das führt zu Spannungen in den Teams und zu zusätzlicher Belastung, wie die Umfrage zeigt. Die teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte berichten über „Anfeindungen von ungeimpften Patienten trotz drohender Intubation auf der Intensivstation“*, von „ungeimpften Patienten, die weiter gegen Impfung poltern, aber nicht selten die Forderndsten sind“*, auch von „erhöhtem psychischen Druck/Angst bei Patienten und Personal“*.

    „Wir können nicht mehr und fühlen uns im Stich gelassen.“*

    Viele der Befragten sind unzufrieden mit den Maßnahmen der Politik und dem Krisenmanagement im eigenen Haus. Wiederholt werden mehr Impfungen und auch ein Lockdown gefordert. Mehrere Befragte äußern sich auch kritisch dazu, dass vorrangig die Belastung der Intensivstationen thematisiert wird, obwohl ein Großteil der Corona-Patienten auf den Allgemeinstationen aufwändig versorgt wird: Man sollte endlich mal über die Nicht-ITS berichten. Das sind 90 Prozent der Coronapatienten.“*

    Impfangebote in Gesundheitseinrichtungen vorhanden

    Doch es gibt auch gute Nachrichten aus den sächsischen Kliniken: Über 98 Prozent der Befragten gibt an, dass ihr Arbeitgeber für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Impfangebote organisiert. Regelmäßige Corona-Tests am Arbeitsplatz bestätigen 95 Prozent der Befragten. „Mit Unterstützung der Ärztinnen und Ärzte sorgen die sächsischen Gesundheitseinrichtungen für einen hohen Infektionsschutz. Diese Dichte der Schutzmaßnahmen muss auch in der Breite der Bevölkerung etabliert werden“, fordert Torsten Lippold.

    „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich keine Energie mehr dafür habe, danke.“*

    Rund 500 Freitextantworten mit detaillierten Lagebeschreibungen sind mit der Umfrage eingegangen, von denen hier einige auszugsweise veröffentlicht wurden. „Diese Schilderungen zeigen die aktuelle Dramatik. Sie zeichnen das Bild eines Gesundheitssystems, das niemand in Deutschland vermuten würde. Wir sind sehr dankbar für die Berichte unserer Mitglieder. Sie dürfen nicht ungehört und vor allem nicht folgenlos für die weiteren Entwicklungen des Gesundheitssystems bleiben!“, so Torsten Lippold. Der Marburger Bund Sachsen wird die eingegangenen Freitextantworten nun detailliert analysieren und das Ergebnis veröffentlichen.

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    *Freitextantwort eines/einer Befragten aus der Umfrage des Marburger Bundes Sachsen „Mitglieder-Umfrage Corona Sachsen 2021“ vom 29.11-5.12.2021. Die Antworten wurden z.T. orthographisch/grammatikalisch angepasst und gekürzt, um die Verständlichkeit zu gewährleisten und keinen Rückschluss auf einzelne Personen oder Einrichtungen zu ermöglichen.

     

    Pressemitteilung vom 16.12.2021
    Artikel Marburger Bund Zeitung 18-21

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    Die Befragten haben sich in dieser  Umfrage in insgesamt 518 Freitextantworten zu den von ihnen erlebten Einschränkungen, zu Patientenfällen und allgemein zu ihrer Situation geäußert. Der Marburger Bund Sachsen stellt diese Daten auf Anfrage anonymisiert zu Forschungszwecken zur Verfügung. Wissenschaftliche Institutionen können die Daten unter Angabe des Forschungszwecks und der Methodik presse@mb-sachsen.de anfragen.