„Wir sind gut ausgebildet und wissen, was wir im Alltag in den Kliniken tun müssen. Als Ärztin und Ärzte sind wir es gewohnt, Probleme rechtzeitig zu erkennen und sie vor allen Dingen auch zu lösen. Wir machen einfach. Wenn wir aber die Klinik verlassen, uns in den Bereich der ärztlichen Selbstverwaltung begeben, treffen wir durchaus auf Strukturen, die uns veraltet und kompliziert vorkommen“, eröffnete Andrej Weissenberger seinen Vortrag.
Während wir im Krankenhaus agil und auf Krisen reagieren können, erscheint uns die Kammerarbeit von außen oft als eine Welt aus Ausschusssitzungen, abstrakten Satzungsänderungsanträgen und vor allem undurchsichtigen Regeln. Wir treffen auf ein System, das auf junge Ärztinnen und Ärzte oft unnahbar und bürokratisch wirkt.
Der Titel des diesjährigen Dialogforums lautet „Einfach machen. Selbstverwaltung der Zukunft. „Doch wie einfach ist einfach machen? Die ärztliche Selbstverwaltung wirkt wie ein geschlossenes System, dessen Relevanz für den Klinikalltag erst auf den zweiten oder dritten Blick sichtbar ist.
Auf der einen Seite besteht der brennende Wunsch nach Veränderung, nach Mitspracherecht. „Wir wollen moderne Arbeitszeitmodelle. Wir wollen Familie und Beruf gemeinsam vereinbaren können. Wir wollen eine digitalisierte Medizin. Wir wollen keine Hierarchie und wir wollen eine tolle Weiterbildung.
Auf der anderen Seite aber erleben wir eine geringe Beteiligung von jungen Ärztinnen und Ärzte in den Gremien der Selbstverwaltung. Es ist ein Paradoxon. Doch wir müssen ehrlich sein. Wenn wir den Wunsch nach Veränderung ernst nehmen, müssen die Strukturen, die Hürden radikal gesenkt und der Zugang erleichtert werden. Aber gleichzeitig haben auch wir eine Schuld.
Wir dürfen uns nicht hinter der Arbeitslast verstecken oder darauf warten, dass uns jemand den roten Teppich ausrollt. Demokratie und Selbstverwaltung, leben vom Mitmachen und nicht vom Zuschauen. Wer die Zukunft aktiv gestalten will, der muss sich den Platz am Tisch selbst nehmen, anstatt darauf zu hoffen, dass er einem angeboten wird.
Der erste Punkt, den wir deshalb verändern müssen, ist die Zugänglichkeit. Wir müssen unsere Dienstpläne und unser Familienleben mit dem Engagement in den Ärztekammern unter einen Hut bringen. Wenn aber die Selbstverwaltung nur durch physische Präsenz an festen Tagesorten funktioniert, schließen wir eine ganze Generation de facto aus. Die Zukunft muss, also hybrid sein.“
Der zweite Punkt ist die inhaltliche Fokussierung. Für uns junge Ärzte und Ärzte ist die Weiterbildung selbstverständlich das Herzstück der Kammerarbeit. Hier können wir wirklich einfach machen. Wir wollen eine Weiterbildung, die Kompetenz in Vordergrund stellt und nicht nur das Sammeln von irgendwelchen Fallzahlen für die Logbücher. Wir wollen eine Selbstverwaltung, die mutig genug ist, die Qualität der Ausbildung gegen den ökonomischen Druck der Träger zu verteidigen. Wenn die junge Generation merkt, dass die Ärztekammern ein wirksames Werkzeug sind, um die eigene berufliche Zukunft zu sichern, dann werden jüngere Ärztinnen und Ärzte sich stärker engagieren.
Drittens, wir brauchen einen Kulturwandel im Miteinander. In der Pädiatrie arbeiten wir gleichberechtigt und gleichwertig im Team. Ärztliches Team, pflegerisches Team. Wir brauchen Mentoring-Strukturen, in denen erfahrene Kolleginnen und Kollegen ihr Wissen mit uns teilen, aber gleichzeitig den Staffelstab früher übergeben oder zumindest gemeinsam halten.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Selbstverwaltung ist kein Selbstzweck. Sie ist ein hohes Gut, sie ist die Brandmauer gegen eine reine Staatsmedizin und gegen eine Medizin, die sich nur noch Regeln des Marktes unterwirft. Aber eine wirksame Brandmauer muss stabil sein und das ist nur, wenn das Fundament breit ist.
Mein Appell darf an meine jungen Kolleginnen und Kollegen: wir dürfen die Kammer nicht als die da oben betrachten. Wir sind die Kammer. Wenn uns die Prozesse zu langsam sind, müssen wir sie beschleunigen. Wenn uns Themen zu fern sind, müssen wir unsere Themen auf die Agenda setzen. Die erfahrenen Gestalterinnen und Gestalter in diesem Raum bitte ich, geben Sie uns den Vertrauensvorschuss, lassen Sie uns Dinge ausprobieren, auch, wenn Sie nicht dem Protokoll der letzten 30 Jahre entsprechen. Einfach einfach machen. Lassen Sie uns die Selbstverwaltung so modern und digital, so relevant gestalten, dass die nächste Generation nicht mehr fragt, ob sie mitmacht, sondern nur noch, wo sie anfangen kann.
