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  • Die Würde des Einzelnen im Alltag bewahren

    Aktueller Kommentar des ersten Landesvorsitzenden Dr. med. Hans-Albert Gehle
    10.August 2017
    „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Diese Worte stehen nicht nur im Artikel 1 unseres Grundgesetzes. Sie waren zwei Ärzten ins Herz gebrannt, von denen wir in den letzten Wochen unerwartet Abschied nehmen mussten. Zwei Menschen, die sehr unterschiedlich erschienen. Der Eine – Chefarzt, berufs- und gesundheitspolitisches Urgestein. Der Andere – Oberarzt, Betriebsrat und Gewerkschafter. Dieter Mitrenga und Friedhelm Hülskamp. Beide einte die tiefe Überzeugung, dass die Behandlung von Patienten weit mehr ist als eine technisch, medizinische Leistung des Arztes zur Heilung seiner Krankheiten. Ihr Credo: „Ärztliches Handeln bedeutet sich auf Augenhöhe mit Patienten zu begegnen. Den Gegenüber wahrzunehmen und seine Beschwerden, aber auch seine Persönlichkeit ernst zu nehmen, egal welcher Herkunft, Bildung oder Stand er hat.”

    Ich glaube fest daran, dass diese Überzeugung jede junge Ärztin und jeder junge Arzt im Studium hat und sie regelrecht brennen, um diese mit dem Berufsstart bei der Patientenbehandlung tagtäglich umzusetzen. Aber, dann verzweifeln viele von uns, denn unser beruflicher Alltag ist viel zu sehr von Kennzahlen oder wirtschaftlichen Zwängen geprägt.

    Wir Ärzte werden in einer modernen, zu stark ökonomisch ausgerichteten Welt regelrecht getrieben. Wer mit viel Empathie ins System kommt, sieht schnell die Würde des Einzelnen bedroht. Die Würde des Patienten, genauso wie unsere Eigene. Die Würde des Arztes, aber auch aller anderen in der Gesundheitsversorgung tätigen Kollegen.

    Sich gegen diese Bedingungen zu stemmen, das hat beide verstorbenen Kollegen auf die ihnen ureigene Art bis zum Schluss unermüdlich angetrieben: Der Eine mehr als Gewerkschafter, um unsere ärztlichen Arbeitsbedingungen besser zu gestalten, der Andere mehr als berufs- und gesundheitspolitischer Mahner und Forderer. Beide aber mit dem Wissen, dass der Marburger Bund nur zusammen mit seinen beiden „Armen“, Berufsverband und Gewerkschaft, stark genug sein kann, um die Wirklichkeit mitzugestalten.

    Friedhelm Hülskamp und Dieter Mitrenga – in den über 40 Jahren ihrer ärztlichen Tätigkeit haben sie im Marburger Bund immer aktiv mitgewirkt, auf neue Herausforderungen reagiert. Friedhelm Hülskamp und Dieter Mitrenga haben den Wandel unseres Verbandes ganz wesentlich mitgetragen und gestaltet. Der Marburger Bund wurde aufgrund der heute unvorstellbaren Notlage von Ärzten nach dem Krieg gegründet. Er wandelte sich später zu einem starken berufspolitischen Verband, der eine gute Krankenversorgung in den Mittelpunkt seiner Arbeit in den Ärztekammern gestellt hat, bevor er sich vor über einem Jahrzehnt zusätzlich zu einer starken Berufsgewerkschaft transformierte. Gewerkschaft und Berufsverband.

    Wollen wir weiterhin eine Gesundheitsversorgung in Würde gestalten, dann müssen wir nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts tatkräftig weitermachen. Jede Ärztin, jeder Arzt wird mit seiner Kraft daran mitwirken müssen. Jeder nach seinen Möglichkeiten. Wir alle gemeinsam werden als Marburger Bund die Voraussetzungen dafür stets neu schaffen müssen. Das für alle Beteiligten erhebliche Unklarheit erzeugende Urteil des Bundesverfassungsgerichtes verlangt uns dabei viel ab. Aber, nur wenn wir als Gewerkschaft stark und als Berufsverband gut aufgestellt sind, werden wir in Zukunft eine starke und einflussreiche Stimme in der Gesundheitsversorgung bleiben.

    Wir Ärztinnen und Ärzte haben in der Vergangenheit die anderen im Gesundheitswesen tätigen Berufsgruppen als Partner gesehen und uns für sie mit eingesetzt. Das wird auch in Zukunft so bleiben, in welcher Organisationsform wir das tun werden, müssen wir jetzt und immer wieder neu entscheiden.

    Das ist das Vermächtnis von Friedhelm Hülskamp und Dieter Mitrenga – es ist der innigste Wunsch dieser beiden von mir hoch geschätzten Kollegen gewesen, dass sich auch die nachfolgenden Generationen von Ärztinnen und Ärzten dafür engagieren, dass wir alle die Würde bewahren können. Das ist in unserem ureigenen Interesse!