„Eine sektorenübergreifende Versorgung kann nur so leistungsfähig sein wie ihre Schnittstellen“, heißt es in dem Positionspapier. Zwar seien digitale Anwendungen wie die elektronische Patientenakte (ePA), die Kommunikation im Medizinwesen (KIM) und das E-Rezept inzwischen vielfach technisch etabliert.
Im Versorgungsalltag komme ihr Nutzen jedoch längst nicht überall an. „Zwischen ihrer formalen Einführung und einer tatsächlich funktionierenden Nutzung im Versorgungsalltag bestehen weiterhin erhebliche Unterschiede“, kritisiert Kammerpräsident Dr. Hans-Albert Gehle.
Wenn Informationen nicht rechtzeitig ankommen
Besonders deutlich werden die Probleme beim Wechsel zwischen Krankenhaus und ambulanter Weiterbehandlung. Obwohl für das Entlass-Management verbindliche gesetzliche Vorgaben gelten, ist der notwendige Informationsfluss in der Praxis noch immer nicht durchgängig gewährleistet. Befunde, Diagnosen, bisherige Behandlungsverläufe und Therapieempfehlungen müssen vollständig und rechtzeitig verfügbar sein – nicht erst dann, wenn wichtige Entscheidungen bereits getroffen wurden.
Das gilt ebenso für die Aufnahme im Krankenhaus. Auch hier müssen die behandelnden Ärztinnen und Ärzte auf vorhandene Informationen zugreifen können, um Doppeluntersuchungen zu vermeiden, Behandlungsentscheidungen fundiert zu treffen und die Versorgung ohne unnötige Verzögerungen fortzusetzen.
Keine Reform ohne funktionierende Vernetzung
Eine zuverlässige digitale Infrastruktur ist aus Sicht der ÄKWL auch eine Grundvoraussetzung für anstehende gesundheitspolitische Reformen. Die geplante Neuordnung der Notfallversorgung und weitergehende Modelle der Patientensteuerung, etwa ein Primärarztsystem, können nur dann funktionieren, wenn Informationen über die Sektorengrenzen hinweg sicher und zeitnah ausgetauscht werden. Neben Arztpraxen und Krankenhäusern müssen deshalb auch die Terminservicestelle und der ärztliche Bereitschaftsdienst unter der Rufnummer 116117 sowie der Rettungsdienst in die Vernetzung einbezogen werden.
Der Arbeitskreis warnt davor, neue Versorgungsmodelle aufzubauen, solange die digitale Zusammenarbeit bestehender Strukturen nicht zuverlässig funktioniert. Zunächst müsse verbessert werden, was bereits vorhanden ist. „Zusätzliche Parallelstrukturen ohne erkennbaren Nutzen für die Patientenversorgung müssen vermieden werden“, betont Dr. Hans-Albert Gehle.
Hersteller stärker in die Verantwortung nehmen
Damit digitale Vernetzung im Alltag gelingt, sieht die ÄKWL vor allem die Politik in der Pflicht. Sie müsse verbindliche Rahmenbedingungen schaffen, die interoperable und praxistaugliche Schnittstellen gewährleisten. Das schließt ausdrücklich die Hersteller von Praxismanagementsystemen und Krankenhausinformationssystemen ein. Ihre Produkte müssen eine reibungslose Kommunikation über die Grenzen der Versorgungsbereiche hinweg ermöglichen.
Digitale Anwendungen dürfen dabei nicht zu einer zusätzlichen Belastung werden. Sie müssen sich möglichst einfach und automatisiert in bestehende Systeme integrieren lassen. Komplizierte Zugriffs- und Berechtigungsverfahren, Medienbrüche und zusätzliche Dokumentationspflichten kosten Zeit, die in der Patientenversorgung fehlt. Die technische Umsetzung darf nicht auf dem Rücken der Ärzte ausgetragen werden.
Die Forderung der ÄKWL ist deshalb klar: Nicht die Zahl neuer digitaler Anwendungen entscheidet über den Fortschritt, sondern ihr konkreter Nutzen im Versorgungsalltag. Erst wenn Informationen zuverlässig zwischen Praxen, Krankenhäusern und weiteren Beteiligten fließen, können neue Modelle der Patientensteuerung ihr Potenzial entfalten – für eine kontinuierliche, bedarfsgerechte und sichere Versorgung.
