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  • Dr. Hans-Albert Gehle: „Jeder hier muss jetzt 100 Kollegen an die Hand nehmen – vernetzt Euch!“

    134. Hauptversammlung in Berlin zur Reform des TV-Ärzte/Alle Beschlüsse
    13.November 2018
    Berlin
    (mhe). Wer als Ärztin oder Arzt etwas erreichen möchte, um seine beruflichen Arbeitsbedingungen zu verbessern, der steht als Einzelkämpfer auf verlorenem Posten. Nur gemeinsam lässt sich mehr bewegen. „Im Jahr 2006 haben wir die Probleme klar angesprochen, vor Ort mobilisiert, klare Ziele formuliert – BAT plus 30 Prozent“, erinnert Dr. med. Hans-Albert Gehle, erster Vorsitzender des Marburger Bundes NRW/RLP als einer der Hauptreferenten bei der 134. Hauptversammlung in Berlin. „Das Wichtigste ist heute wie damals, ohne unsere Kolleginnen und Kollegen sind wir nicht schlagkräftig!“, sagte Gehle in seiner Erinnerung an die Organisation des ärztlichen Arbeitskampfes im Jahr 2006. Und der steinige Weg zum Ziel? „Streik muss wirtschaftlichen Schaden anrichten, leider geht dies nicht direkt auf der Seite unserer tariflichen Verhandlungspartner TDL und VKA, Streik trifft naturgemäß zuerst unsere Kliniken.“

    „2006 haben wir gegen massive uns drohende Gehaltsverluste gekämpft. Ich habe eine nie vorher so erlebte Solidarität erlebt. Für Kollegen, die im Streik kein Gehalt bekommen hatten, haben andere Kollegen es aus ihrem Gehalt bezahlt. Alle haben sich Gedanken gemacht, sodass bei uns niemand zu kurz kam“, würdigte Hans Gehle.

    „Heute beklagen die Kolleginnen und Kollegen, uns fehlt die Zeit für unsere Patienten. Ich meine, wir müssen unsere Ziele auf eine Forderung fokussieren. Geht das von Null auf 100? Mobilisation ist eher eine Treppe. Wir müssen unsere Kollegen Stufe für Stufe mitnehmen. Auch 2006 haben wir versucht, jeden Kollegen mitzunehmen“, erklärt Hans- Albert Gehle.

    „Was müssen wir tun? Vor allem Probleme ansprechen, die uns im Haus drücken. Abstimmungen über einzelne Tarifziele führen. Sprecher wählen, lokal und regional vernetzen. 2006 hatten wir erst in der dritten Woche jeden Tag eine Demo. In unserer Klinik sank die Belegung unter 30 Prozent. Wer ist heute der rote Knopf? Nicht der Marburger Bund muss es erreichen, wir selber müssen es erreichen! Jeder Delegierter hier im Saal muss 100 Kollegen in seiner Klinik an die Hand nehmen. Mein Appell: vernetzt Euch – ab heute.“

    Selten hat ein Thema so stark eine Hauptversammlung geprägt: Im Mittelpunkt der 134. Hauptversammlung des Marburger Bundes stand eine leidenschaftlich geführte Diskussion über die Reform des TV-Ärzte. Über 200 Ärztinnen und Ärzte aus ganz Deutschland diskutierten hoch engagiert das Thema, darunter viele Vertreter aus unserem Landesverband.

    Dr. Hans-Albert Gehle machte deutlich: „Wir wollen die ärztlichen Arbeitsbedingungen dringend verbessern. Daher hat unsere Kleine Tarifkommission in den vergangenen zwei Jahren zahlreiche Einzelaspekte unseres TV-Ärzte kritisch erörtert und mögliche Tarifziele detailliert benannt. Wir haben damit eine fundierte Diskussionsgrundlage für unsere künftigen tariflichen Forderungen zusammengestellt. Ich begrüße, dass das Papier auf dem Tisch liegt. Wir müssen die Inhalte jetzt mit unseren Kolleginnen und Kollegen intensiv diskutieren“, betont Dr. Hans-Albert Gehle.

    Christian Twardy, Leiter des MB-Referates Tarifpolitik, erinnerte ebenfalls an 2006, als der Marburger Bund die ersten bundesweit geltenden Tarifverträge für Ärzte erkämpft hat. „Ohne, dass den Ärzten am Ende Maßlosigkeit vorgeworfen worden ist. Heute wollen wir die nichtmonetären Arbeitsbedingungen verbessern, dass das nötig ist, zeigen alle unsere Befragungen. Anders als vor zwölf Jahren geht die Initiative jetzt von den Gremien des Verbandes aus. Es ist anspruchsvoll, in Hinblick auf verbesserte Arbeitsbedingungen eine einheitliche Verbandsmeinung he­rauszubilden. Vergessen wir nicht, unser Verband hat Arbeitskampferfahrungen.“

    Andreas Botzlar, 2. Vorsitzender des Marburger Bundes, präsentierte die Ergebnisse der 34 Sitzungen der Kleinen Tarifkommission zur Reform des Tarifvertrages für Ärzte: „Die Arbeitsbelastung muss sinken. Wenn wir weiterhin immer nur nach mehr Prozenten gucken, nicht die Arbeitsbedingungen verbessern, werden wir uns irgendwann marginalisieren. Gemeinsam mehr bewegen. Die Zeit dafür ist jetzt!“

    Worum geht es im Einzelnen? „Grundvoraussetzung für den korrekten Umgang mit der gesamten Arbeitszeit ist unserer Ansicht nach eine automatisierte, genaue und – manipulationsfreie Arbeitszeiterfassung. Die bisherige Praxis der Arbeitszeit-Dokumentation erfüllt diese Voraussetzungen nicht. Die Arbeitszeit beginnt und endet an der Kliniktür.

    Auch im ärztlichen Bereich möchten wir eine zuschlagsfreie Kernarbeitszeit festlegen. Außerhalb dieses Zeitraums muss sich das individuelle Stundenentgelt erhöhen. Die durchschnittliche regelmäßige Wochenarbeitszeit soll reduziert werden, mindestens zwei Wochenenden im Monat von jeder Arbeitsleistung frei bleiben. 

    Neben einer verlässlichen Dienstplangestaltung möchten wir zeitgemäße Regelungen zum Ruf- und Bereitschaftsdienst. Auch wollen wir die höchstzulässige Anzahl der Bereitschaftsdienste begrenzen, nur um einige ausgewählte Aspekte der Tarifnovellierung aufzuführen. Fazit von Andreas Botzlar: „Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Es ist die Nagelprobe für unseren Verband!“

    RA Andreas Wagner, Leiter der gut 40-köpfigen Juristenkommission des Marburger Bundes, legte derweil eine juristische Einschätzung der einzelnen Inhalte des Grundsatzpapiers der KTK zur Reform des TV-Ärzte vor. Sein Fazit: „Wir werden kontroverse Meinungen zu einzelnen Punkten bei den Mitgliedern erleben und müssen mit einem erheblichen Widerstand der Arbeitgeber rechnen.“

    PD Dr. Peter Bobbert aus Berlin betonte beim Thema Mobilisierung: „Das Wichtigste ist doch: Wir haben bisher alles gemeinsam erreicht. Es ist wieder Zeit für den nächsten großen Schritt. Es ist an der Zeit, dass wir als Marburger Bund der Gestalter des ärztlichen Arbeitsplatzes für morgen sind. 
    Wir brauchen eine sehr gute Kampagne, die wir in den nächsten Monaten aufbauen müssen, eine richtig gute Strategie. Assistenzärzte, Oberärzte, Chefärzte, wir brauchen sie alle, in kleinen wie großen Häusern, in der Stadt wie auf dem Land.

    Wir brauchen die Akzeptanz der Öffentlichkeit und der Kollegen gleichermaßen. Bleiben wir aber bitte immer pragmatisch, nur das hat uns zum Erfolg geführt. Eine Maximalforderung ist meiner Ansicht nicht das Beste. Lassen Sie uns im Jahr 2019 unsere Arbeitsplätze endlich wieder orange färben.“