Wer hält KI in den Händen? Dr. Peter Bobbert verdeutlichte, dass Europa und Deutschland den globalen technologischen Wettlauf um die Entwicklung und Kontrolle von KI längst verloren haben. China und die USA seien bei digitalen Infrastrukturen und der praktischen Erprobung KI-gestützter Versorgung weit voraus. Große Tech Giganten investierten Milliarden in die KI. Die Technologiekonzerne wittern ein lukratives Geschäft.
Während in China etwa bereits „AI-Hospitals“ und digitale Diagnostik-Boxen wenn auch im Forschungs-Teststadium schon Realität seien, ringe das deutsche Gesundheitswesen noch mit grundlegender Digitalisierung und fragmentierten Strukturen. Den „ersten Wettlauf“ – wer die Schlüsseltechnologie KI entwickelt und beherrscht, das ist aus der Sicht von Dr. Bobbert klar entschieden. Der zweite, mindestens ebenso bedeutende Wettlauf in der KI habe gerade begonnen: Wie verschafft KI ganz praktisch im Alltag den Ärztinnen und Ärzten und letztlich den Patienten einen Nutzen?
KI ist aktuell noch kein Heilsbringer in der Medizin: „Wer setzt denn bereits KI so ein, dass die Medizin nicht nur effizienter, sondern vor allem besser und menschlicher wird?“ Perspektivisch könne KI viele ärztliche Kernaufgaben – von Anamnese und Diagnose bis hin zu Therapieplanung und Dokumentation – unterstützen oder auch teilweise übernehmen. „Ob dies letztlich der Versorgung nützt oder schadet, hängt jedoch davon ab, welche Ziele die Entwicklung und der Einsatz von KI leiten. Der weit überwiegende Teil der derzeitigen KI-Anwendungen ist eher von wirtschaftlichen Interessen als vom Patientenwohl geprägt, warnte der Berliner Kammerpräsident.
Als Maßstab für „gute“ KI in der Medizin stellte Dr. Bobbert das Vertrauen in den Mittelpunkt. „Vertrauen prägt seit jeher das Arzt-Patienten-Verhältnis.“ Vertrauen beruhe auf drei Säulen: Kompetenz (Qualität und Evidenz der Systeme), Integrität (Datenschutz, Transparenz, Verlässlichkeit) und Wohlgesonnenheit (Ausrichtung am Wohl der Patientinnen und Patienten). Während sich Kompetenz und Integrität durch Zulassungsregeln, Qualitätsstandards und Regulierung relativ gut abbilden ließen, sei die Übertragung der ärztlichen Verpflichtung zum Handeln im Patienteninteresse – etwa wie in der Genfer Deklaration des Weltärztebundes formuliert – auf KI-Entwickler und KI-Betreiber deutlich schwieriger.
„Wenn jetzt konsequent gehandelt wird, hat Europa eine aussichtsreiche Position. Mit der Medical Device Regulation (MDR) und dem europäischen AI-Act liegen bereits Instrumente vor, die KI-Anwendungen nach Risiko klassifizieren und insbesondere für Hochrisikoanwendungen in der Medizin klare Anforderungen an Sicherheit, Transparenz und Nachvollziehbarkeit definieren“, unterstrich Bobbert. Europa könne eine eigenständige Antwort geben: nicht durch technische Führerschaft, sondern durch eine wertegebundene, patientenorientierte Gestaltung von KI in der Medizin.
Damit dieser „zweite Wettlauf“ zugunsten einer humanen Medizin entschieden wird, formulierte Dr. Peter Bobbert drei zentrale Handlungsaufträge: Erstens seien massive Investitionen in die digitale Infrastruktur erforderlich, von Netzen und Rechenzentren bis zu Datenräumen und Chipkapazitäten, um KI-Anwendungen überhaupt sinnvoll und unabhängig betreiben zu können.
Zweitens brauche es einen kulturellen Wandel hin zu größerer Akzeptanz und Umsetzungsbereitschaft: Digitale Innovationen müssten im Versorgungsalltag erprobt werden, statt sie nur zu diskutieren oder reflexhaft abzuwehren. Drittens sei die Ärzteschaft gefordert, ihre Verantwortung aktiv wahrzunehmen – etwa durch die Entwicklung eines spezifischen KI-Ethikkodex für die Medizin und die Förderung neuer Berufsbilder an der Schnittstelle von Technik und Medizin, wie medizinnahe KI-Ingenieurinnen und -Ingenieure.
„Wir können die technische Entwicklung von KI nicht zurückdrehen, aber wir können entscheiden, wofür und wie sie in der Medizin eingesetzt wird“, stellte Dr. Bobbert klar. Angesichts der enormen Entwicklungsgeschwindigkeit bleibe dafür allerdings wenig Zeit. Gelinge es, jetzt zu investieren, klug zu regulieren und KI ausdrücklich in den Dienst des Patientenwohls zu stellen, könne Europa eine Form der KI-gestützten Medizin entwickeln, in der die Menschlichkeit im Mittelpunkt bleibt und Ärztinnen und Ärzte ihren ethischen Auftrag auch im digitalen Zeitalter erfüllen.
