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  • Kurzfristige Ankündigung der endgültigen Schließung der Klinik für Geburtshilfe

    Alfried Krupp Krankenhaus Essen verweist auf Personalmangel / Ärzte in Sorge um onkologische Patienten
    14.Juni 2022
    Köln/Essen (mhe). Die gestern angekündigte endgültige Schließung der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe im Alfried Krupp Krankenhaus in Essen zum 30. Juni 2022 lenkt den Blick auf die massive Veränderung der Krankenhausstruktur in Deutschland. Dass fehlende Hebammen, Fachpflegekräfte und Fachärzte zur Schließung in dem Traditionshaus führen, unterstreicht, wie wichtig die Bekämpfung des Personalmangels ist. Die Zahl der Geburten kann zur Ursachenklärung der Veränderung nicht herangezogen werden. 1991 lag die Geburtenzahl nur um gut 35.300 höher als im Jahr 2018. In der Ruhrgebietsmetropole zeigt man sich tief betroffen: „Wir sind aufgrund anhaltender struktureller Einschränkungen im Personalbereich gefordert, eine Klinik mit langer Tradition aufzugeben, auf die wir sehr stolz sind. Ein einschneidender Schritt. Ein Schritt, der uns alle sehr beschäftigt und schmerzt“, erklärt Geschäftsführer Dr. med. Günther Flämig. Fachärztemangel und die Schwierigkeit in der Geburtshilfe, weitere erfahrene Hebammen in notwendiger Anzahl ans Haus zu binden, ließen aber keine andere Wahl.

    Nicht alle Ärztinnen und Ärzte haben Übernahmeangebote / Sorge um onkologische Patienten

    Das betroffene Personal im Alfried Krupp Krankenhaus müsse sich keine Sorgen um die berufliche Perspektive machen, versicherte Dr. med. Günther Flämig. Das benachbarte Elisabeth Krankenhaus in Essen (Contilia Gruppe) und das Universitätsklinikum Essen haben angeboten, die vorhandenen Ärzte und Hebammen zum 1. Juli 2022 einzustellen. Das ärztliche Personal erfuhr erst gestern von der Schließung in gerade mal zweieinhalb Wochen.

    Geburtskliniken erleben seit Jahrzehnten einen Wandel
    Geburtskliniken sind unverzichtbar, denn die weit überwiegende Zahl von Kindern wird in Deutschland in Krankenhäusern geboren. Von 787.523 Lebendgeburten im Jahr 2018 fanden 770.570 in Krankenhäusern statt. Im Bereich der Geburtshilfe ist aber seit Jahrzehnten eine Klinikkonzentration zu beobachten, die eher den Regeln des Marktes folgt, statt einer wohlüberlegten Krankenhausplanung von Gesundheitspolitikern. Gleichwohl scheint die Konzentration ein Ziel der Politik zu sein.

    Seit Jahren häufen sich hierzulande die Meldungen, dass Geburtskliniken in den Krankenhäusern schließen. Die Anzahl der Krankenhäuser in Deutschland, in denen Entbindungen durchgeführt werden, hat sich seit dem Jahr 1991 um ca. 43 Prozent reduziert, seit 2007 um ca. 22 Prozent, ist dem „Überblick über Versorgungsstrukturen in der Geburtshilfe“ des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags vom 26. März 2021 (Aktenzeichen: WD 9 - 3000 - 012/21 ) zu entnehmen.

    Größenstruktur hat sich verändert
    Die Anzahl der Krankenhausstandorte mit Entbindungen ist insgesamt von 811 im Jahr 2010 auf 682 im Jahr 2018 zurückgegangen. Dabei hat sich auch die Größenstruktur der Geburtskliniken verändert. Besonders stark traf es in den vergangenen Jahren kleinere Kliniken mit weniger als 500 Geburten, ihre Zahl sank von 260 im Jahr 2010 auf nur noch 120 im Jahr 2018.

    Die Zahl der Geburtskliniken mit über 500 Geburten stieg hingegen von 550 auf 562 leicht an. Besonders stark angestiegen ist jedoch die Zahl der Kliniken mit mehr als 1.500 Geburten. Sie hat sich seit 2010 fast verdoppelt (auf 174 in 2018). Die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe im Alfried Krupp Krankenhaus in Essen bilanzierte zuletzt 800 Geburten.

    Verteilung zwischen Städten und Land nahezu konstant
    Die Verteilung der Geburtskliniken auf städtische und ländliche Standorte hat sich in den letzten Jahren hingegen kaum verändert, bilanziert der Wissenschaftliche Dienstes unter Bezug auf eine Studie des BMG. Die Mehrheit der Krankenhausstandorte mit Entbindungen befand sich sowohl 2010 als auch 2018 in städtisch geprägten Regionen. Der Anteil der Kliniken, die in ländlichen Regionen lagen, war mit 38 bzw. 37 Prozent annähernd genauso hoch.

    Schon im Vorjahr warnte der Bundestag: Es gebe dem Gutachten zufolge jedoch einige Regionen, in denen die zurückzulegenden Wege zur Klinik überdurchschnittlich hoch seien und dadurch eine möglichst wohnortnahe Versorgung und Möglichkeit zur freien Wahl des Geburtsortes gefährdet sei.

    Die Befragungsergebnisse verdeutlichten auch, dass es stellenweise zu Überlastungen bis hin zu zeitweisen Engpässen in der stationären Hebammenversorgung komme. Mehr als ein Drittel der befragten Geburtskliniken gab an, dass sie 2018 mindestens in einem Fall Schwangere mit Wehentätigkeiten wegen Kapazitätsengpässen bei Hebammen und/oder Räumen nicht aufnehmen oder versorgen konnten.

    57 Prozent der Geburtskliniken geben an, dass ihnen Hebammen fehlen. Durchschnittlich waren 18 Prozent ihrer Planstellen nicht besetzt. Als Hemmnis gilt vor allem die hohe Arbeitsbelastung für Hebammen im Verhältnis zum Gehaltsniveau.

    Die Studie des BMG schlägt als Lösung die Zusammenlegung und Konzentration von Geburtsstationen vor, betont aber, dass eine Versorgung auf dem Land gewährleistet bleiben muss. Ebenfalls wird vorgeschlagen, hebammenfremde Tätigkeiten zu delegieren und finanzielle Anreize zu schaffen, um den Beruf wieder attraktiver zu machen.