Schott erinnerte als Referentin beim 130. Deutschen Ärztetag daran, dass Suchterkrankungen längst kein Randphänomen sind. Alkohol etwa gehört in Deutschland zu den führenden vermeidbaren Todesursachen; Schätzungen zufolge sterben jedes Jahr zehntausende Menschen an den Folgen ihres Alkoholkonsums. Gleichzeitig stehen Alkohol und andere Substanzen mit einer Vielzahl körperlicher und psychischer Erkrankungen in Zusammenhang.
International warnen die Weltgesundheitsorganisation und Fachgesellschaften vor steigenden Risiken durch Opioide, insbesondere vor synthetischen Substanzen mit hoher Überdosierungsgefahr, betonen aber zugleich die Wirksamkeit gut organisierter Substitutionsprogramme.
„Niemand plant, süchtig zu werden“, sagt Dr. med. Katharina Schott. Hinter einer Abhängigkeit stehen häufig Depressionen, Angststörungen, Schlafstörungen, chronischer Stress, Traumata oder soziale Krisen. Viele Betroffene schämen sich, versuchen lange, ihre Probleme zu verbergen, und finden im hoch spezialisierten, aber schwer zugänglichen Medizinsystem keinen passenden Einstieg in die Behandlung. Oft werden körperliche Folgeprobleme behandelt, ohne die Suchterkrankung als Ursache zu benennen – mit der Folge, dass Patientinnen und Patienten immer wieder als Notfälle im System auftauchen.
Besondere Sorge bereitet Schott die Versorgung opioidabhängiger Menschen. Bundesweite Registerdaten zeigen, dass zwar zehntausende Patientinnen und Patienten substitutionsbehandelt werden, die Zahl der behandelnden Ärztinnen und Ärzte jedoch vielerorts nicht ausreicht, um den Bedarf zu decken. In einigen Regionen entstehen regelrechte „weiße Flecken“ ohne Substitutionsangebot. Wer dort keine ärztliche Hilfe findet, ist auf den illegalen Markt angewiesen – mit allen gesundheitlichen und sozialen Konsequenzen.
Für Katharina Schott ist klar: Suchtmedizin gehört in die Mitte der medizinischen Versorgung. „Suchterkrankte begegnen uns in der Hausarztpraxis, in der Inneren Medizin, in der Chirurgie, in der Gynäkologie – eigentlich überall“, betont sie. Nötig seien mehr suchtmedizinische Kenntnisse in Studium und Facharztweiterbildung, eine konsequente Umsetzung bestehender Leitlinien sowie der Mut, das Thema offen anzusprechen. Eine qualifizierte Entzugs- und Weiterbehandlung biete vielen Patientinnen und Patienten erstmals die Chance, körperliche, psychische und soziale Probleme gemeinsam anzugehen.
Trotz aller Herausforderungen beschreibt Schott die Arbeit in der Suchtmedizin als sehr befriedigend: „Die Behandlung von Suchterkrankungen kann unglaublich lohnend sein. Wenn wir den Menschen hinter der Sucht sehen und ihm eine echte Chance geben, erleben wir immer wieder überraschend positive Verläufe – auch nach vielen Jahren Abhängigkeit.“
