Suchtmedizin im Wandel - Prävention statt Reparatur

Prof. Dr. med. Henrik Streeck fordert radikalen Systemwechsel in der Suchtmedizin
13.Mai 2026
Am zweiten Sitzungstages des 130. Deutschen Ärztetages in Hannover hat Prof. Dr. med. Hendrik Streeck, Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen, einen grundlegenden Kurswechsel im Gesundheitssystem gefordert. In seinem Impulsreferat machte er deutlich, dass Prävention künftig das zentrale Leitprinzip sein müsse. „Wir müssen früher sehen, früher helfen und früher Verantwortung übernehmen“, betonte Streeck. Derzeit verhindere jedoch die bestehende Finanzierungslogik genau diesen Ansatz. Statt Vorbeugung zu fördern, werde vor allem die Behandlung bereits manifestierter Erkrankungen honoriert. „Prävention ist politisch unbequem, weil ihre Erfolge leise sind.“
Prof. Dr. med. Henrik Streeck fordert einen radikalen Systemwechsel in der Suchtmedizin.
Prof. Dr. med. Henrik Streeck fordert einen radikalen Systemwechsel in der Suchtmedizin.

Prof. Dr. med. Streeck sieht enormen Reformbedarf im Gesundheitssystem. Das Beitragsstabilisierungsgesetz bezeichnete Streeck als notwendige, aber unzureichende Maßnahme. Es sei „eine Notbremse“, die Zeit verschaffe, jedoch keine Strukturreform darstelle. Gefordert seien vielmehr tiefgreifende Veränderungen hin zu einem präventionsorientierten System, das Gesundheitskompetenz stärkt und frühzeitiges Handeln belohnt. Dazu gehöre auch eine Abkehr von kurzfristigen Vergütungsmodellen. Präventive Leistungen müssten systematisch gefördert und angemessen vergütet werden.

Sucht stelle eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung dar. Besonders deutlich werde der Reformbedarf in der Suchtmedizin. In Deutschland leben rund zehn Millionen Menschen mit einer Abhängigkeit. Dennoch greife das System häufig erst dann, wenn die Erkrankung bereits weit fortgeschritten sei.

„Sucht findet mitten in unserer Gesellschaft statt“, betonte Streeck. Neben den gesundheitlichen Folgen verursache Sucht erhebliche wirtschaftliche und soziale Schäden. Ziel müsse daher sein, Suchterkrankungen früher zu erkennen, zu verhindern und zu behandeln.

Ein zentrales Problem sieht Prof. Dr. Henrik Streeck in der zunehmenden Verfügbarkeit suchtfördernder Substanzen und Produkte. Besonders Kinder und Jugendliche seien gefährdet – etwa durch gezielt gestaltete Produkte und digitale Werbung, die auf frühen Konsum und Gewöhnung abzielen. Kinder und Jugendliche seien stärker zu schützen.

Streeck sprach sich daher für strengere Regelungen aus, unter anderem für die Abschaffung des begleiteten Alkoholkonsums ab 14 Jahren. Prävention müsse altersgerecht gestaltet sein und auch digitale Lebenswelten einbeziehen.

Mit Blick auf die aktuelle Drogenpolitik warnte Streeck vor einer schleichenden Normalisierung. Wenn etwa Cannabis im privaten Umfeld angebaut und gleichzeitig niedrigschwellig online verschrieben werden könne, stelle dies auch die Glaubwürdigkeit von Medizin und Politik infrage. „Die Regeln müssen klar verständlich sein und am Ende auch durchgesetzt werden“, betonte er.

Ein weiteres zentrales Anliegen ist die Stärkung früher Hilfsangebote. Viele Betroffene suchten aus Scham oder Unsicherheit zu spät Unterstützung. „Es gibt selten einen zu frühen Beginn der Suchthilfe, aber sehr leicht ein zu spät“, erklärte Prof. Dr. Streeck.

Notwendig seien niedrigschwellige, gut vernetzte Strukturen: eine starke Primärversorgung, eine sensibilisierte Kinder- und Jugendmedizin sowie eine enge Zusammenarbeit von Psychotherapie, Suchthilfe und Jugendhilfe. Es fehle der Mut zu echten Veränderungen.

Abschließend appellierte Prof. Henrik Streeck an Politik und Gesellschaft, den Mut für grundlegende Reformen aufzubringen. Kleine Korrekturen reichten nicht mehr aus. Vielmehr brauche es eine neue Systemlogik, in der Prävention gleichwertig neben Behandlung stehe.

„Wir können nicht jedes Jahr Finanzierungslücken schließen und gleichzeitig die Ursachen unangetastet lassen“, warnte Streeck. Es gehe um nicht weniger als die Zukunftsfähigkeit des Gesundheitssystems. Denn entscheidend sei letztlich nicht die Anzahl der Behandlungen, sondern die Gesundheit der Bevölkerung: „Das beste Gesundheitssystem ist das, in dem die Menschen am gesündesten leben.“