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  • Trübe Aussichten?

    Aktueller Kommentar von Dr. med. Hans-Albert Gehle
    22.Mai 2022
    Wie sieht unsere Zukunft aus? Mit dieser Frage wollte sich unsere 139. Hauptversammlung in Bremen beschäftigen. Nun, der Blick in unsere ärztliche Zukunft reichte nicht allzu weit. Einmal mehr wurde von verschiedenen Referenten vornehmlich die aktuelle Misere aus verschiedenen Blickpunkten beklagt. Die Realität kennen wir selber alle nur zu gut. Um es vorwegzusagen, mit ihr müssen wir vorerst weiterleben. Wir dürfen und können sie uns keineswegs schönreden. Wir beklagen seit Jahren einen Ärztemangel – geschätzte 2.000 Arztstellen in den etwa 420 Kliniken in NRW und RLP sind nicht besetzbar. Uns fehlt dadurch die nötige Zeit für Patienten. Wir haben zu viele Dienste zu familienunfreundlichen Zeiten, wünschen uns mehr Zeit für unsere eigene Erholung und unser Privatleben. Wir fordern erträglichere Arbeitsbedingungen, mehr Entlastung durch Delegationen, eine zeitgemäße Digitalisierung. Warum müssen wir Dokumentationen selber ausfüllen, Daten für das Controlling eingeben, Arztbriefe schreiben? Bürokratie ist keine ärztliche Tätigkeit. Es gibt dafür Assistenzberufe. Es würde reichen, wenn wir die Arztbriefe unterzeichnen.

    Wie können wir Veränderungen erreichen? In unserer gewerkschaftlichen Arbeit haben wir das Instrument der Tarifverträge, um Verbesserungen bei der Arbeitsbelastung zu erreichen. Durchbrüche sind aber nur schrittweise und meist nur durch entschiedene Arbeitskämpfe wie 2006 realisierbar. Dass lehren uns aktuell auch die Pflegekräfte an Unikliniken oder die Mitarbeiter in den Kitas.

    Wir leben in einer Zeit, in der Corona die Versäumnisse der Politik im Gesundheitswesen eindringlich vor Augen geführt hat, für Lösungen benötigen wir politische Initiativen, die zweifellos Geld kosten werden. Wir brauchen mehr assistierende Berufskollegen, viele Stellen sind hier abgebaut worden. Neue personelle Kapazitäten müssen über die DRG finanziert werden. Wenn plötzlich 100 Milliarden Euro für unsere Verteidigung verfügbar sind, dürfen wir unser chronisch unterfinanziertes Gesundheitswesen nicht weiter vernachlässigen. Wir brauchen eine bedarfsdeckende Investitionskostenfinanzierung.

    Ich warne jedoch vor dem Irrglauben, dass alleine Arbeitsentlastungen oder die neue regionale Strukturierung der Krankenhauslandschaft in NRW die Situation in unserem ärztlichen Alltag grundlegend verbessern kann.

    Bei unseren Debatten in Bremen wurde erkennbar, dass die sektorale Teilung des Gesundheitswesens keine Zukunft hat. Mehr denn je wird ärztliche Versorgung in regionaler Kooperation stattfinden und vor Ort eine Teamleistung sein. Immer mehr Ärztinnen und Ärzte überspringen schon heute die Sektorgrenzen, arbeiten in Teilzeit stationär und zudem angestellt in MVZ oder Praxen.

    Die gesamtgesellschaftliche Entwicklung hin zu mehr Teilzeitarbeit und weniger Überstunden wird in der Ärzteschaft weiter vordringen. Zudem werden die Behandlungsfälle in einer Gesellschaft des langen Lebens zwangsläufig weiter steigen. Dadurch sind in Zukunft nochmals mehr hochqualifizierte Köpfe nötig.

    Blicken wir auf weitere absehbare Veränderungen: Dass in den nächsten Jahren gut 90.000 Ärztinnen und Ärzte aus allen Versorgungsbereichen altersbedingt aus dem Beruf ausscheiden werden, verleiht unseren Wünschen noch mehr Gewicht. Wir reden über immerhin 22 Prozent der 416.000 berufstätigen Ärztinnen und Ärzte hierzulande, die aus dem System ausscheiden.

    Fehlt der Politik noch die Einsicht, wird spätestens der sich verschärfende Personalmangel sie zwingen, endlich zu Handeln. Was können Politiker tun? Das Problem des Ärztemangels hat eine einfache Ursache, die es längst zu beheben gilt. Ärztemangel entsteht bei der Ausbildung. Uns fehlt eine ausreichende Zahl an Studienplätzen für Humanmedizin.

    1981 finanzierte die Landesregierung in NRW noch 3.442 Studienplätze an sieben Universitäten. Aktuell sind es nur noch 2.345 an zehn Fakultäten. In der vorigen Legislatur sind 84 neue Studienplätze in Witten und 60 in OWL hinzugekommen. Das ist nur ein bescheidender Anfang, bei weitem nicht genug. Selbst wenn die neue Fakultät OWL in drei Jahren ihre Ausbauziele von 300 Studienplätzen erreicht haben sollte, fehlen uns immer noch über 850 Studienplätze gegenüber 1981.

    Wir kommen nicht um die deutliche Erhöhung der Studienplätze in der neuen Legislatur herum. Deshalb dürfen wir nicht müde werden, die Politik stärker an ihre gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu erinnern: In NRW wurde gerade gewählt, noch ist unklar, wie sich die neue Regierung zusammensetzen wird. Aber wir werden der neuen Landesregierung unsere Forderungen für mehr Studienplätze vortragen.

    Nur mit mehr Studienplätzen werden wir den Ärztemangel erfolgreich bekämpfen können. Es wird aber zwölf Jahre dauern bis die heute schon dringend benötigten Fachärztinnen und Fachärzte uns zur Verfügung stehen werden. Wir müssen bis dahin einen hohen Preis für die Versäumnisse unserer Politiker zahlen. Das sollte uns noch entschiedener machen, aktiv für unsere Belange berufspolitisch zu kämpfen. Dafür gibt es den Marburger Bund! Gemeinsam mehr bewegen.