Was motiviert Sie, für das Amt des Präsidenten der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz zu kandidieren?
Ich bin seit vielen Jahren berufspolitisch aktiv. Das ist für mich nicht nur Engagement, sondern eine echte Aufgabe: Ich möchte die berufliche Situation von Ärztinnen und Ärzten verbessern und unserer Stimme mehr Gehör verschaffen. Dabei ist mir wichtig, dass wir innerhalb der Ärzteschaft leidenschaftlich und kontrovers diskutieren können, nach außen aber geschlossen auftreten. Nur so können wir gegenüber der Politik im Bund und in Rheinland-Pfalz wirkungsvoll auftreten.
Wir können froh sein, dass wir mit der ärztlichen Selbstverwaltung die Möglichkeit haben, viele Dinge selbst zu gestalten. Diese Selbstverwaltung müssen wir bewahren und gleichzeitig den Service weiterentwickeln. Dafür möchte ich Verantwortung übernehmen.
Welche Erfahrungen aus Ihrer bisherigen berufspolitischen Tätigkeit bringen Sie mit, um die Landesärztekammer RLP in den kommenden fünf Jahren erfolgreich zu führen?
Für mich ist die Kandidatur der nächste Schritt einer langjährigen berufspolitischen Arbeit. Angefangen habe ich als Delegierter des Marburger Bundes in unseren Vertreterversammlungen. Vor zehn Jahren wurde ich erstmals zum Vorsitzenden der Bezirksärztekammer Pfalz gewählt. Ich kenne deshalb die Gremienarbeit, die unterschiedlichen Interessen und auch die notwendigen Entscheidungsprozesse sehr gut.
Man muss zuhören, unterschiedliche Meinungen aufnehmen und gleichzeitig darauf achten, dass wir uns nicht in Einzelinteressen verlieren. Egal, ob jemand ambulant oder stationär arbeitet, angestellt, verbeamtet oder bereits im Ruhestand ist: Wir können als Ärzteschaft nur gemeinsam erfolgreich sein. Dieser Gedanke muss auch künftig unser Handeln bestimmen.
Als Marburger Bund sind wir nicht nur Ärzteverband, sondern auch Ärztegewerkschaft. Ich habe von Anfang an auch die gewerkschaftliche Arbeit in Verhandlungs- und Tarifkommissionen mitgestaltet. Ich kenne die Realität in unseren Kliniken. Gute Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen lassen sich nicht nebenbei erreichen. Dafür braucht es Konsequenz, Beharrlichkeit und vor allem gemeinsames Handeln. Diese Erfahrung möchte ich auch weiterhin in die ärztliche Berufspolitik einbringen.
Was sind Ihre wichtigsten Ziele für die nächsten fünf Jahre?
Eine zentrale Herausforderung ist die Digitalisierung. Unsere Ärztekammern müssen endlich zeitgemäß mit ihren Mitgliedern kommunizieren können – und zwar in beide Richtungen. Jedes Mitglied sollte ein eigenes digitales Konto haben und seine Daten und Vorgänge selbst verwalten können. Informationen, Anträge und Rückmeldungen müssen einfach, schnell und transparent möglich sein.
Digitalisierung darf dabei kein Selbstzweck sein. Sie muss zu schlankeren und effizienteren Arbeitsabläufen führen. Es ist an der Zeit, dass die Ärztekammern weniger als Behörde und stärker als moderner Dienstleister für ihre Mitglieder wahrgenommen werden. Dazu gehört auch, Bürokratie auf das notwendige Maß zu reduzieren.
Das Kerngeschäft der Ärztekammern bleibt aber die ärztliche Weiterbildung. Hier müssen wir näher an die betriebliche Realität heran. Ambulante und stationäre Weiterbildung funktionieren unter unterschiedlichen Bedingungen. Gleichzeitig führen die strukturellen Veränderungen in der Kliniklandschaft dazu, dass klassische Weiterbildungswege vielerorts nicht mehr funktionieren. Weiterbildung muss deshalb neu gedacht werden. Wir brauchen mehr trägerübergreifende Weiterbildungsverbünde, damit junge Ärzte ihren Weg zum Facharzt zuverlässig und ohne unnötige Verzögerungen gehen können.
Über 77 Prozent der berufstätigen Kammermitglieder in Rheinland-Pfalz arbeiten angestellt in Kliniken, Praxen, MVZ oder Behörden. Wie soll sich diese Realität künftig in der Arbeit der Ärztekammer widerspiegeln?
Die Wähler entscheiden mit ihren Stimmen über die Zusammensetzung der neuen Vertreterversammlungen. Deshalb wünsche ich mir zunächst eine deutlich höhere Wahlbeteiligung. Eine Kammer kann nur dann mit einem starken politischen Gewicht auftreten, wenn sie von einer breiten Mehrheit ihrer Mitglieder getragen wird.
Gerade die große Mehrheit der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte sollte ihre Möglichkeit zur Mitbestimmung aktiv nutzen. Ihre Interessen müssen sich auch in den neuen Ärzteparlamenten der Landesärztekammer und der vier Bezirksärztekammern angemessen widerspiegeln. Das gilt insbesondere für die Krankenhausplanung und die Weiterbildung.
Wir brauchen angesichts der politischen Herausforderungen mehr Zusammenhalt innerhalb der Ärzteschaft. Eine hohe Beteiligung an der Briefwahl ist dafür der erste wichtige Schritt.
Warum braucht es nach Ihrer Auffassung eine starke Vertretung der Ärzteschaft?
Weil wir sonst nicht ausreichend gehört werden. Nur wenn wir unsere fachliche und ethische Expertise gemeinsam und überzeugend einbringen, können wir gegenüber der Politik Einfluss nehmen.
Unsere Gesundheitspolitik wird aus meiner Sicht zunehmend von kurzfristigen Sparzwängen bestimmt. Politik nach Kassenlage verschlechtert aber nicht nur die Arbeitsbedingungen der Ärztinnen und Ärzte, sondern gefährdet letztlich auch die Versorgung unserer Patienten. Wir sind deren unmittelbaren Versorger. Wenn wir nicht mit unseren fachlichen und ethischen Standards gegenhalten, wird es niemand für sie tun.
Mir fehlt eine grundsätzliche gesellschaftliche Debatte: Wie groß ist der tatsächliche Bedarf? Welche Versorgung wollen wir? Und was sind wir bereit, dafür zu investieren? Diese Diskussion muss endlich geführt werden.
Welche konkreten Verbesserungen wollen Sie für Ärzte in Weiterbildung erreichen?
Das E-Logbuch muss endlich mehr sein als eine digitale Dokumentationspflicht. Es sollte einen echten und zeitnahen Dialog mit der Ärztekammer ermöglichen. Ärztinnen und Ärzte, die sich weiterbilden, müssen unkompliziert erkennen können, wo sie stehen und welche Anforderungen noch erfüllt werden müssen.
Niemand darf beispielsweise Gefahr laufen, dass Monate seiner Weiterbildungszeit nicht anerkannt werden, weil eine Weiterbildungsbefugnis zwischenzeitlich abgelaufen ist. Hier müssen die Kammern stärker begleiten und rechtzeitig informieren.
Außerdem brauchen wir eine regelmäßige und verbindliche Evaluation der Weiterbildung. Wenn die Weiterbildung an einer Weiterbildungsstätte nicht funktioniert, muss die Kammer handeln. Dafür brauchen wir bessere Instrumente und klare Konsequenzen.
Wie wollen Sie sich für bessere Arbeitsbedingungen, verlässliche Weiterbildung und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf einsetzen?
Hier muss man zwischen den Aufgaben der Ärztekammer und denen der Ärztegewerkschaft unterscheiden. Tarifliche Arbeitsbedingungen können die Kammern nur begrenzt beeinflussen. Das ist vor allem Aufgabe des Marburger Bundes als Ärztegewerkschaft.
Die nachrückende Generation formuliert ihre Erwartungen völlig zu Recht: Sie will gute Arbeitsbedingungen, verlässliche Arbeitszeiten und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Diese Themen nehmen wir ernst. Gleichzeitig brauchen wir die jungen Ärztinnen und Ärzte in unseren berufspolitischen Gremien. Dort können sie ihre Vorstellungen selbst einbringen und die Zukunft unseres Berufs mitgestalten.
Wie möchten Sie unterschiedliche Interessen von Klinikärztinnen und -ärzten, Angestellten in MVZ und Praxen, Niedergelassenen und Ärztinnen und Ärzten im öffentlichen Dienst zusammenführen?
Indem wir zuhören und unterschiedliche Interessen nicht als Bedrohung, sondern als Grundlage für gemeinsame Lösungen verstehen. Genauso arbeite ich seit zehn Jahren als Vorsitzender der Bezirksärztekammer Pfalz.
Jeder muss mit seinen Anliegen in den Gremien gehört werden. Wir müssen Argumente austauschen, Kompromisse finden und diese anschließend gemeinsam vertreten. Wir dürfen uns nicht gegenseitig auseinanderdividieren. Unser Ziel muss sein, gemeinsam mehr zu bewegen.
Das gelingt im Marburger Bund seit vielen Jahren im Tarifgeschäft. Diese Erfahrung sollten wir stärker auf die ärztliche Selbstverwaltung übertragen.
Welche Erwartungen haben junge Ärztinnen und Ärzte an ihre Altersversorgung?
Dass es auch in Zukunft eine verlässliche Altersversorgung gibt. Erstaunlicherweise beschäftigt das Thema bereits viele junge Ärztinnen und Ärzte. Das zeigt, wie wichtig ihnen Planungssicherheit ist.
Unsere Position ist deshalb eindeutig: Wir wollen die bestehenden berufsständischen Versorgungswerke erhalten und zukunftssicher weiterführen.
Wie können ärztliche Versorgungswerke die demografischen Herausforderungen meistern?
Angesichts politischer Überlegungen, Freiberuflern künftig den Zugang zu berufsständischen Versorgungswerken zu erschweren oder ganz zu verwehren, müssen wir zunächst für den Erhalt dieser Einrichtungen kämpfen.
Der Marburger Bund stellt derzeit mit Dr. med. Christina Schneider und Dr. med. Michael Kupp zwei kompetente Vorsitzende der Verwaltungsräte der Versorgungseinrichtungen in Trier und Koblenz. Das zeigt auch: Wir übernehmen Verantwortung für die Zukunft unserer Versorgung.
Unsere Versorgungswerke verfügen über jahrzehntelange Erfahrung und professionelle Anlagestrategien. Entscheidend ist, dass sie eigenständig und verlässlich arbeiten können. Unser Ziel muss sein, die berufsständische Versorgung auch für die kommenden Generationen zu sichern. Sie bietet Ärztinnen und Ärzten heute eine attraktive Altersversorgung und zusätzliche Absicherung, etwa bei Berufsunfähigkeit.
Welche Veränderung wird die ärztliche Tätigkeit in den nächsten zehn Jahren am stärksten prägen?
Die Künstliche Intelligenz – ohne Frage.
Wir liegen in Deutschland bei der Digitalisierung und beim Einsatz von KI teilweise noch hinter anderen Ländern zurück. Gleichzeitig müssen wir uns sehr früh mit den Chancen und Risiken auseinandersetzen. KI kann uns unterstützen, aber sie kennt keine ärztliche Ethik und keine menschliche Verantwortung. Deshalb darf sie niemals zum Instrument rein ökonomischer Interessen werden.
Welche Chancen und Risiken sehen Sie durch Künstliche Intelligenz?
KI kann und soll uns Arbeit abnehmen und Ärztinnen und Ärzte bei ihren Aufgaben unterstützen. Aber die Ergebnisse müssen von Ärztinnen und Ärzten kritisch geprüft werden. Die Verantwortung für eine medizinische Entscheidung darf nicht an ein Rechenzentrum abgegeben werden.
Gerade die rasante Entwicklung der KI zeigt, wie wichtig klare Grenzen und Regeln sind. Als Ärzteschaft müssen wir sicherstellen, dass weiterhin unsere fachliche Expertise und unsere Erfahrung die Grundlage für Entscheidungen zum Wohl unserer Patientinnen und Patienten bilden. Das wird in den kommenden Jahren eine immer größere Herausforderung werden.
Frauen stellen bereits mehr als 45 Prozent der Kammermitglieder, Tendenz steigend. Was muss sich in den Ärztekammern ändern?
Wir brauchen mehr Frauen in der Berufspolitik. Der erste Schritt ist deshalb, dass sich mehr Frauen zur Wahl stellen. Auf den Listen des Marburger Bundes kandidieren zahlreiche Ärztinnen. In vier unserer acht regionalen Kandidatenlisten stehen mit Mariza Olivera Galvão und Dr. med. Sonja Dörr zwei Ärztinnen an der Spitze. Auch auf den aussichtsreichen Listenplätzen finden sich zahlreiche Ärztinnen. Insgesamt haben sich mehr als 80 Ärztinnen für eine Kandidatur auf den MB-Listen entschieden.
Bei der Vorbereitung der Kammerwahl waren wir bewusst offen: Jedes Kammermitglied konnte kandidieren, auch Nicht-Mitglieder. Unsere Kandidatinnen und Kandidaten sind in allen ärztlichen Arbeitsfeldern tätig, stationär, ambulant, im öffentlichen Dienst, in der Pharma-Industrie oder auch schon im Ruhestand. Über die Listenaufstellungen wurde in den Bezirken basisdemokratisch entschieden.
Jetzt kommt es darauf an, dass sich auch möglichst viele Ärztinnen an der Briefwahl beteiligen. Die große Mehrheit der berufstätigen Ärztinnen arbeitet im stationären Bereich. Ihre Perspektiven müssen deshalb auch in den Kammergremien stärker vertreten sein. Das ist eine der Aufgaben des Marburger Bundes.
Wie wollen Sie junge Ärztinnen und Ärzte für ein berufspolitisches Engagement gewinnen?
Ganz einfach: indem wir ihnen Raum für eigene Themen und Ideen geben. Wir dürfen nicht erwarten, dass junge Ärztinnen und Ärzte dauerhaft in klassischen Gremienstrukturen arbeiten wollen. Viele engagieren sich gerne projektbezogen und bringen sich ein, wenn sie konkrete Aufgaben mitgestalten können.
Wir sollten diese Formen des Engagements stärker ermöglichen und gleichzeitig deutlich machen: Berufspolitik entscheidet über unsere Arbeitsbedingungen und die Zukunft unseres Berufs. Deshalb lohnt es sich, sich einzumischen. Niemals aufgeben, wäre mein Motto.
Was zeichnet aus Ihrer Sicht einen guten Präsidenten der Landesärztekammer aus?
Geduld, Gesprächsbereitschaft, klare Überzeugungen und die Fähigkeit, unterschiedliche Interessen zusammenzuführen. Ein Präsident darf nicht allein entscheiden wollen. Er muss seinen Vorstand und die Delegierten der Vertreterversammlung bei allen wichtigen Entscheidungen mitnehmen.
Dazu gehören Transparenz, offene Diskussionen und demokratische Entscheidungen in den Gremien. Ich möchte mit allen Ärztinnen und Ärzten im Gespräch bleiben, unterschiedliche Positionen ernst nehmen und am Ende gemeinsam tragfähige Lösungen entwickeln.
Mein Anspruch ist, die Interessen der rheinland-pfälzischen Ärzteschaft in den kommenden fünf Jahren engagiert, glaubwürdig und wirkungsvoll zu vertreten.
