• Zaghafte Hoffnungen

    Kommentar des rheinland-pfälzischen Kammerpräsidenten Dr. Günther Matheis
    04.Oktober 2018
    Mainz
    Es ist keinerlei Frage, die Politik ist in der Pflicht, die ärztliche Versorgung unserer Bevölkerung in den Städten und auf dem Land sicherzustellen. Hierzu bedarf es geeigneter Rahmenbedingungen, u.a. der ausreichenden Finanzierung unserer Kliniken und einer genügenden Zahl der Studienplätze, die den zukünftigen Bedarf an Ärztinnen und Ärzten sowohl in Praxen als auch in Krankenhäusern deckt.

    Wir weisen mit einem Blick auf die aktuelle Altersstruktur unserer Ärzteschaft seit vielen Jahren eindringlich da­rauf hin, dass wir bereits vielerorts und vor allem in vielen Fachdisziplinen einen Ärztemangel haben und dieser sich in den nächsten Jahren noch deutlich verschärfen wird. Uns fehlen längst nicht nur Hausärzte. Arztmangel fängt naturgemäß immer in Kliniken an. Es ist höchste Zeit zu Handeln.

    Die rheinland-pfälzische Landesregierung hat Ende voriger Woche endlich ein Maßnahmenbündel vorgelegt, sie spricht von einer „Hausärzte-Offensive“. Diese sieht als zentrales Element die Einführung einer Landarztquote vor. Jeder zehnte Studienplatz soll an einen Bewerber vergeben werden, der sich verpflichtet, sich nach seinem Studium und der fachärztlichen Ausbildung für mindestens zehn Jahre als Hausarzt in ländlichen Gebieten niederzulassen. 

    Ob dieses Konzept tatsächlich die erhoffte Wirkung zeigen wird, erscheint mir fraglich, denn wir verlangen einem jungen Menschen sehr viel Weitsicht in seiner Lebensplanung ab, wenn er sich schon heute – vor seiner ersten Vorlesung – verpflichten soll, ab etwa 2021 als Hausarzt in einer ländlichen Region für weitere zehn Jahre tätig zu sein.

    Der Kern unseres Ärztemangels ist, dass wir bundesweit seit vielen Jahren zu wenige Studienplätze haben. Das schlägt auf dem Arbeitsmarkt immer stärker durch. Es ist beschämend, dass wir als eines der wohlhabendsten Länder der Welt nicht in der Lage sind, eine ausreichende Zahl an Ärztinnen und Ärzten hierzulande auszubilden. Wir können die Versorgung seit Jahren nur noch mit Hilfe zehntausender Ärztinnen und Ärzte aufrechterhalten, die wir aus anderen Ländern abwerben, die meist selber kein vergleichbares Gesundheitswesen haben. Ethisch halte ich das für höchst fragwürdig. 

    Zur Mainzer „Offensive“ gehört, dass an der Universitätsmedizin Mainz die Studienplatzzahl um 13 Prozent erhöht werden soll, kündigten die beiden zuständigen Minister an. Wir begrüßen das, sind jedoch irritiert, weil tatsächlich nur 20 zusätzliche Studienplätze geschaffen werden sollen – das sind weniger als fünf Prozent. Hier erwarten wir, dass die Landesregierung ihr Wort hält, rasch Taten folgen lässt und – wie angekündigt – die umgerechnet 55 neuen Studienplätze schafft. Das entspräche unseren langjährigen Forderungen. Wir wissen, dass wir bundesweit einige tausend zusätzliche Studienplätze benötigen.

    Es ist lobenswert, dass künftig auch außeruniversitäre Krankenhäuser in den klinischen Studienabschnitt einbezogen werden. Eine Regionalisierung der Ärzteausbildung fördere die Versorgung mit Ärzten in den Regionen, heißt es aus Mainz. Lange wurde dieser nachweisliche „Klebeeffekt“ ignoriert, jetzt folgt die Landesregierung unseren konstruktiven Vorschlägen. 

    Dies gilt übrigens auch hinsichtlich der vom Bundesverfassungsgericht geforderten Nachbesserungen bei der Vergabe der begehrten Studienplätze. Auch unserer Ansicht nach soll nicht alleine die Abiturnote das ausschlaggebende Vergabekriterium sein.  

    Die Landesregierung in Mainz hat unsere Argumente nun aufgegriffen. Im Auswahlverfahren soll neben der Abiturnote die persönliche und fachliche Eignung zur Ausübung des ärztlichen Berufs, etwa durch vorherige Berufsausbildungen im Gesundheitsbereich berücksichtigt werden. So ist ein strukturiertes Versorgungspraktikum geplant, in dem die Bewerber neun Monate in unterschiedlichen Stationen der medizinischen Versorgung tätig sind. Die Praktikumsbesten sollen zum Studium zugelassen werden. 

    All dies sind nicht nur für Rheinland-Pfalz, sondern auch für alle anderen Bundesländer Bausteine – sie kommen leider sehr spät. Wir werden daher erst noch viele Jahre die Folgen des sich verschärfenden Ärztemangels in allen Disziplinen und in Kliniken wie in Praxen spüren. Die ersten zusätzlichen Fachärztinnen und -ärzte werden uns erst in gut zwölf Jahren zur Verfügung stehen. In der Politik scheint mir viel zu lange die nötige Weitsicht gefehlt zu haben, die aktuellen Entscheidungen erlauben uns nur zaghafte Hoffnungen und verlangen viel Geduld.