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  • Oberärzte beklagen zu wenig Zeit für Weiterbildung der Assistenzärzte

    Pressemitteilung
    Online-Umfrage - 1247 Teilnehmer: Zu viele administrative Tätigkeiten/Hoher ökonomischer Druck
    30.September 2019
    Köln. Über 77 Prozent der 1.247 vom Marburger Bund Nordrhein-Westfalen/Rheinland-Pfalz im Juni/Juli Online befragten Oberärztinnen und Oberärzte beklagen, dass sie nicht ausreichend Zeit für die Weiterbildung Ihrer Assistenzärzte haben. „Hier muss dringend gegengesteuert werden“, mahnt Dr. med. Hans-Albert Gehle, der erste Vorsitzende des Marburger Bundes NRW/RLP. „Gerade Oberärzte sind für die Weiterbildung unseres ärztlichen Nachwuchses unverzichtbar.“ Gut 92 Prozent der Teilnehmer beklagen ferner, dass sie täglich zwischen einer und vier Stunden ihrer wertvollen Arbeitszeit verlieren, weil sie nichtärztliche administrative Tätigkeiten ausführen müssen. „Die massiv gestiegene bürokratische Arbeit muss endlich durch nichtärztliches Personal erledigt werden, damit Ärztinnen und Ärzte wieder mehr Zeit für ihre Patienten haben“, fordert Gehle.

    Zudem müssen Oberärzte oftmals Arbeiten übernehmen, die früher Assistenzärzte erledigt haben, nun seien aber deren Stellen nicht besetzt, berichten Umfrageteilnehmer. Oftmals wird auch bemängelt, dass es keine Arbeitszeiterfassung gibt. „Wenn es eine elektronische Zeiterfassung gibt, dürfen Oberärzte mitunter nicht teilnehmen, geben manche in unserer Umfrage an.“ 

    Mit Fehlentwicklungen damit leider noch nicht genug: Über 41 Prozent sagen, dass interne ökonomische Vorgaben die oberärztliche Tätigkeit prägen. Auch das Gebot der Wirtschaftlichkeit gaben 39 Prozent als prägend an. „Wenn die Arbeit immer dichter und die Ökonomie immer wichtiger, kann keine gute Medizin das Resultat sein“, bringt ein Oberarzt den schwierigen Spagat zwischen Ökonomie und ärztlichem Handeln auf den Punkt. „Die Unzufriedenheit wächst wegen der Belastung und Unpersönlichkeit und dem hohen Erwartungsdruck – mir macht die Arbeit immer weniger Spaß.“ Nur eine von vielen gleichlautenden Äußerungen.

    Unzufriedenheit besteht auch beim Thema Überstunden: „Zahllose Oberärzte berichten von täglich ein bis drei Überstunden, auch in Teilzeit. Das erlaubte Maximum des Arbeitszeitgesetzes werde oft überschritten. Bemängelt werden auch versteckte Überstunden: „Keine Pausen. Abarbeiten administrativer Aufgaben in den Bereitschaftsdiensten statt Ruhezeit.“

    Über 28 Prozent gaben ferner an, weder Geld noch Freizeitausgleich für Überstunden zu erhalten. Zudem liege die Belastung in Rufbereitschaften am Wochenende oft im Schnitt über 50 Prozent. 

    „Klare Grenzen bei der Zahl der Wochenenden, eine manipulationsfreie Arbeitszeiterfassung und eine begrenzte Zahl an Bereitschaftsdiensten haben wir im Bereich der kommunalen Kliniken jetzt tariflich vereinbart. Hier beginnt eine Zäsur“, betont Gehle. „Es verwundert aber nicht, dass viele Teilnehmer in unserer Befragung resignieren“, berichtet er weiter: Einige Beispiele: „Meine Kündigung ist schon geschrieben.“ „Unerträgliche Bedingungen, ich werde kündigen.“ „Habe meine Arbeitsstelle gewechselt wegen der hohen Wochenendbelastung.“ „Aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen und inzwischen aufgetreten körperlichen Mangelerscheinungen spiele ich mit dem Gedanken, die klinische Tätigkeit aufzugeben.“ 

    „Die Politik sollte die beklagten Arbeitsbedingungen der Oberärztinnen und -ärzte in Krankenhäusern zur Kenntnis nehmen. Sie sind eine Folge der fortschreitenden Ökonomisierung der Medizin, der jahrelangen chronische Unterfinanzierung unserer Kliniken und der uns fehlenden Studienplätze“, bilanziert Dr. med. Hans-Albert Gehle.

    Zu den Ergebnissen im Einzelnen:

    Der Marburger Bund NRW/RLP hat vom 22. Juni bis zum 22. Juli 2019 erstmals eine digitale Umfrage unter Oberärztinnen und Oberärzte in NRW und RLP durchgeführt. Die 1.247 Teilnehmer arbeiten zu 42 Prozent in einem Krankenhaus mit kirchlichem Träger, zu 27 Prozent an einer kommunalen Klinik, zu 16 Prozent an einer Uniklinik und zu 15 Prozent an einer Klinik in privater Trägerschaft. Die Abteilungsgröße beträgt im Schnitt 75 Betten. 34,2 Prozent der Teilnehmer sind Oberärztinnen, 65,8 Prozent Oberärzte.

    Oberärzte haben zu wenig Zeit für die Weiterbildung ihrer Assistenzärzte

    Über 77 Prozent der an der Umfrage teilnehmenden Oberärztinnen und Oberärzte beklagen, dass sie nicht ausreichend Zeit für die Weiterbildung Ihrer Assistenzärzte haben. Lediglich 22,8 Prozent finden nach eigenen Angaben genug Zeit für die Weiterbildung des ärztlichen Nachwuchses. Nur jeder zweite Teilnehmer hat ferner ausreichende Möglichkeiten für seine eigene Fortbildung.

    Administrative Tätigkeiten rauben Oberärzten wertvolle Zeit für Patienten

    Zwei Drittel aller Oberärztinnen und Oberärzte beurteilen Ihre Arbeitssituation als gut oder befriedigend, 18,2 Prozent als ausreichend, 9,6 Prozent als mangelhaft und 1,9 Prozent als ungenügend. Gut 92 Prozent der Umfrageteilnehmer beklagen aber dennoch, dass sie täglich zwischen einer und vier Stunden ihrer wertvollen Arbeitszeit verlieren, weil sie nichtärztliche administrative Tätigkeiten ausführen müssen.

    Interne ökonomische Vorgaben prägen oft die oberärztliche Tätigkeit

    Was prägt Ihre ärztliche Tätigkeit? 69 Prozent der Teilnehmer gaben an, dass das Wohl der Patienten ihren Alltag prägt. 41,3 Prozent gaben an, das interne ökonomische Vorgaben ihre ärztliche Tätigkeit bestimmt. Das Gebot der Wirtschaftlichkeit gaben 39 Prozent als prägend an. Fast Dreiviertel der Umfrage-Teilnehmer gaben an, dass sie eigene medizinische Schwerpunkte setzen können. 

    Entlastung gibt jeder zweite Chefarzt und über 82 Prozent der ärztlichen Kollegen

    Oberärzte erhalten offenbar wenig Unterstützung und Entlastung von der Geschäftsführung (Neun Prozent) oder Pflegedienstleitung (Vier Prozent). Aber jeder zweite Chefarzt und über 82 Prozent der Kolleginnen und Kollegen entlasten und unterstützen sie jedoch. Über 37 Prozent gaben an, dass auch Pflegekräfte sie entlasten und unterstützen.

    30 Prozent erhalten keine übertarifliche Zulage oder Poolbeteiligung

    42 Prozent der Oberärztinnen und Oberärzte gaben an, dass sie eine übertarifliche Zulage oder Poolbeteiligung erhalten. Knapp 30 Prozent der Oberärztinnen und Oberärzte erhalten jedoch keine übertarifliche Zulage oder Poolbeteiligung. Gut 29 Prozent der Oberärztinnen und Oberärzte beklagen, dass sie eine zu geringe Zulage oder Poolbeteiligung bekommen. 

    Überstunden werden oft weder vergütet noch mit Freizeit ausgeglichen

    Über 28 Prozent der Oberärztinnen und Oberärzte erhalten für ihre geleisteten Überstunden keine Vergütung und keinen Freizeitausgleich. Über die Hälfte der Oberärztinnen und Oberärzte bekommen ihre Überstunden in Freizeit ausgeglichen. 26 Prozent bekommen eine finanzielle Vergütung, knapp zwölf Prozent in Form einer Pauschale. 

    Bereitschaftsdienst – jede fünfte Oberärztin und jeder fünfte Oberarzt geht leer aus

    Jede fünfte Oberärztinnen und jeder fünfte Oberarzt erhält für Bereitschaftsdienst keine finanzielle Vergütung und keinen Freizeitausgleich. Über 61 Prozent bekommen Bereitschaftsdienst bezahlt, gut 20 Prozent nur einen Freizeitausgleich.

    Rufbereitschaft – zwei Drittel erhalten finanzielle Vergütung

    Besser sieht es bei der Rufbereitschaft aus: Fast 67 Prozent gaben an, dass sie finanziell entgolten wird, über 30 Prozent erhalten eine Pauschale. Nur 5,6 Prozent erhalten gar nichts. Die durchschnittliche Belastung liegt bei 21 Prozent der Umfrage-Teilnehmer unter zehn Prozent, bei 45 Prozent zwischen zehn und 25 Prozent, bei gut 33 Prozent darüber.